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Zugegeben war ich schon ein wenig skeptisch, als ich die HOKA ONE ONE Clifton 2 ausgepackt habe. Und als dann der Nachwuchs mit seinen gerade mal zehn Lenzen auch noch so einen Spruch von sich gab, wie „Papa, willste jetzt etwa in Highheels laufen?“, war ich mir nicht mehr so sicher, ob das der richtige Schuh für mich ist.

Ein kurze Proberunde offenbarte zumindest schon mal ein Laufgefühl, welches ich bisher so nicht kannte. Der Schuh musste daher mit in’s Urlaubsgepäck, um die nächsten zwei Wochen intensives Testen auf Asphalt, Pflaster, Sand und Dünenwegen zu ermöglichen. Wie er sich dabei geschlagen hat, erfahrt ihr gleich. Jetzt schauen wir uns ihn erst einmal an und machen eine kurze Anprobe.

Design und Passform

Ein Mix aus Loriots Aschgrau und Biene Maja - so präsentiert sich der Farbmix des Clifton 2. Von den Proportionen her ist er aber eher Hummel, als Biene.

Ein Mix aus Loriots Aschgrau und Biene Maja – so präsentiert sich der Farbmix des Clifton 2. Von den Proportionen her ist er aber eher Hummel, als Biene.

Ich stehe ja mehr so – konträr meines Alters – auf die poppigen Farben. Mausgrau, Staubgrau, Aschgrau, Steingrau, Bleigrau und Zementgrau fallen nicht in diese Kategorie. Dafür aber Gelb, insofern macht die sehr voluminöse Sohlenkonstruktion des Cliftons alles wett. Das Mesh des Upper sieht modern aus, die verstärkenden Elemente sind verschweißt und nicht genäht. Diese Konstruktion schimpft sich SpeedFrame. Das lässt hoffen. Am Gewicht wird es nicht scheitern, denn mit nur 270 Gramm bei Größe 45 1/3 ist der Schuh bei einer derartigen Dämpfung schon fast ein Fliegengewicht.

Einmal Meta-Rocker von unten bitte. Danke. Das Schwarze sind die

Einmal Meta-Rocker von unten bitte. Danke. Das Schwarze sind die „strategisch platzierten Rubber Pods“.

Sprechen wir von Dämpfung, dann sprechen wir von der Sohle. Von beidem hat der Clifton 2 genug zu bieten. Gefühlt zu 99% besteht sie aus einem weichen, sehr biegefähigem Zwischensohlenmaterial, welches auf der Außensohle im Vorfuß- und Fersenbereich schwarze Inlays aus einem härteren Gummi besitzt. Von der Seite, im Profil, erinnert mich der Clifton ein klein wenig an die legendären Gesundheitstreter von MBT, von denen jeder glaubte, seine Rückenprobleme in der Griff zu bekommen.

Schon ziemlich beeindruckend, dass die Höhe der Sohle fast der Höhe der Schaftkonstruktion entspricht. Oder?

Schon ziemlich beeindruckend, dass die Höhe der Sohle fast der Höhe der Schaftkonstruktion entspricht. Oder?

Kommen wir zur Passform. Da gibt es wenig zu meckern. Der Clifton 2 passt, wie ein guter Schuh passen muss. Die Einlegesohle von Ortholite ist flach und bietet keine nennenswerte Unterstützung des Längs- oder Quergewölbes. Allerdings ist er der erste Schuh, den ich zunächst einlaufen musste, weil das Obermaterial der Zehenbox anfangs ein wenig gedrückt hat, sobald der Schuh sich gebogen hat. Nun ist aber alles ok.

Sowohl die Fersenkappe, als auch die Zunge sind gepolstert und drücken nicht. Die Fersenkappe ist zudem recht flexibel und besitzt eine robuste Einstiegshilfe, die eigentlich nicht sein müsste. Die Schnürsenkel muss ich recht weit zuziehen, da ich einen schmalen Fuß habe. Dadurch wirft das Material über der geräumigen Zehenbox eine leichte Falte. Das „Problem“ habe ich allerdings bei vielen Schuhen.

Die Farbe der Zierstreifen hielt nicht mal einen Lauf. So sieht's nach knapp 50 km aus. Sicherlich nur ein optischer Mangel, der aber eigentlich nicht sein müsste.

Die Farbe der Zierstreifen hielt nicht mal einen Lauf. So sieht’s nach knapp 50 km aus. Sicherlich nur ein optischer Mangel, der aber eigentlich nicht sein müsste.

Laufgefühl

24 mm Schaum unter dem Vorfuß und 29 mm unter der Ferse. Das ist laut Hoka das 2,5-fache Volumen der Sohle eines üblichen Laufschuhs. Eigentlich kein Wunder, dass sich der Clifton eklatant anders läuft, als meine bisherigen Schuhe. Zumindest auf den ersten Metern fühlte es sich keineswegs unangenehm an, dass der Fuß beim Aufprall ein wenig im Fußbett einsinkt. Kennt ihr diese blauen Balance-Pads bei der Krankengymnastik, auf denen man die Stabiübungen macht? Na, ok – ganz so krass ist es nicht. Jedoch hatte ich schnell das Gefühl, dass beim Abdruck des Vorfusses viel Energie in der Sohle verschwindet. So richtig „in die Puschen“ kam ich nicht. Versuchte ich meine Pace unter 4:45 zu halten, ging das nur wenige Kilometer gut. Dabei sieht die gebogene Meta-Rocker Geometry eigentlich so aus, als dass der Abruck über den Vorfuß erleichert werden könnte. Die sogenannte Active Foot Frame Geometry soll zudem verhindern, dass der Fuß eben nicht in die sehr weiche Dämpfung einsinkt.

So weit die Theorie. Ok, vielleicht hätte ich im Urlaub nicht so viel (fr)essen sollen. Spaß bei Seite, ich gehe eher davon aus, dass mir das Dämpfungsverhalten durch das ständige Laufen in weniger gedämpften Lightweight-Trainern und Wettkampfschuhen nicht mehr zuträglich ist. Ich hab mehrere Anläufe gestartet – jedesmal bekomme ich in den HOKAs Schmerzen in den Fußgelenken. Man kann fast die Uhr danach stellen, ab KM 8 geht es los. Ab dann wird es unangenehm und der Lauf wird zur Qual. Logischerweise bekommt man durch diese extreme Dämpfung auch wenig vom Untergrund mit. Auch etwas, an das man sich gewöhnen muss.

Die Sohle ist nicht nur hoch, sondern auch breit. Angst vor dem Umknicken muss man also nicht haben.

Die Sohle ist nicht nur hoch, sondern auch breit. Angst vor dem Umknicken muss man also nicht haben.

Positiv sei jedoch erwähnt, dass auch auf unebenem Gelände, getestet am Strand und auf Dünenwegen, der Schuh trotz der hohen Sohle keinen instabilen Eindruck macht. Die Sohle ist eben nicht nur hoch, sondern auch breit. Daran können die Schmerzen also nicht liegen, zumal ich auch auf Asphalt nach der Distanz Probleme bekommen habe.

(Ein etwas längeres) Fazit

Die Idee, den Clifton 2 für die langen Läufe in der Marathonvorbereitung zu nutzen, hat sich in Anbetracht der Tatsache, dass ich nicht lange darin laufen kann, schon einmal erledigt. Tempoeinheiten bekomme ich mit der weichen Dämpfung ebenfalls nicht hin. Ganz gut gefallen hat er mir jedoch bei entspannten, langsamen und kürzeren Läufen.
Wohlgemerkt, das sind meine persönlichen Eindrücke, die für andere Läufer, die auf der Suche nach einem gut gedämpften Schuh sind, nicht unbedingt gelten müssen. Doch dazu kommen wir gleich. Aber um es noch einmal deutlich zu machen: hier bekommt man maximale Dämpfung bei einem sehr geringen Gewicht, und das bei einer Sprengung von nur 5 mm. Das findet man nicht so oft, oder besser gesagt nirgendwo anders.

Die Marathon-Bestzeit mit dem Clifton 2 soll bei unter 2:17 Stunden liegen. Da zeigt sich wieder einmal, dass Schuh und Läufer wie Topf und Deckel sind. Thomas schwärmt in seinem Kurztest des Vorgängermodells davon, wie gut der Schuh bei Tempoläufen funktioniert. Womit bewiesen wäre, dass Tests von Laufschuhen schon recht subjektiv ausfallen können.
Wo wir aber sicher einer Meinung sind: Christiane weist in ihrem Test des Clifton 2 auf einen wichtigen Aspekt hin, den ich nur unterstreichen kann. So schön angenehm eine weich gedämpfte Sohle auch ist – sie fördert nicht die Entwicklung eines guten Laufstils. Fersenläufer werden so immer Fersenläufer bleiben, auch wenn die Meta-Rocker Geometrie sicherlich den Vorfußlauf fördern kann. Bei mir hat es nicht funktioniert. Das klappt mit dem Newton Fate zum Beispiel wesentlich besser.

HOKA ONE ONE Clifton 2

120 €
HOKA ONE ONE Clifton 2
8

Passform

90/10

    Design

    80/10

      Stabilität

      90/10

        Dynamik

        80/10

          Verarbeitung

          80/10

            Spaßfaktor

            60/10

              Positiv

              • - Geringes Gewicht
              • - Niedrige Sprengung (5 mm)
              • - Grip ist ok, selbst auf Sand und bei Nässe

              Negativ

              • - Dämpfung zu weich
              • - Farbstreifen der Sohle blättern ab

              Für die Transparenz

              Die Schuhe wurden mir von Hoka One One kostenlos zur Verfügung gestellt. Den Testbericht habe ich aus freier Hand geschrieben. Es wurde keinerlei Einfluss auf den Inhalt oder die Bewertung genommen.

              10 Kommentare

              1. Comment by Christiane

                Christiane Antworten 2. September 2015

                Danke fürs Verlinken! Und für den interessanten Bericht. :)

                • Comment by Martin

                  Martin Antworten 3. September 2015

                  Selber Danke. Die Farben deines Cliftons finde ich übrigens sehr viel besser. Dafür habe ich das Problem mit der verformten Sohle nicht. Muss doch an deinem Laufstil liegen. :razz:

              2. Comment by Thomas (Harlerunner)

                Thomas (Harlerunner) Antworten 3. September 2015

                Mir scheint auch, dass war zwar einen sehr großen Überschneidungsbereich haben, was unsere Laufschuh-Vorlieben angeht, aber wo es dann bei Dir in Richtung Minimalschuh geht, komme ich mit Dämpfung besser zurecht. Kann mir aber gut vorstellen, dass das wirklich an der Muskulatur liegt und wir uns da noch weiter annähern. ;)

                Ich muss allerdings zugeben, dass mir der Clifton 2 nicht genau so gut gefällt wie der Clifton 1. Die haben an der Zwischensohle wohl so Einiges verändert. Finde ihn auch deutlich schmaler. Testbericht folgt. ;) Danke für den Backlink.

                • Comment by Martin

                  Martin Antworten 3. September 2015

                  Hmm. Ich dachte eigentlich, die Zwischensohle wäre gleich geblieben?

                  Wie auch immer. Bin gespannt auf deinen Bericht.

              3. Comment by Sebastian

                Sebastian Antworten 3. September 2015

                Jetzt hab ich schon so viele Meinungen über den Schuh gelesen und ihn selbst noch nicht gelaufen. Immerhin hatte ich ihn schon am Fuß, aber mehr auch noch nicht…

                Ich dachte mir allerdings schon, dass Dir der Schuh nicht so liegt und war verwundert, dass Du ihn getestet hast. Es sind in jedem Fall ganz gute Eindrücke, die ich in meinen Test mitnehmen kann. Ein ebenfalls gut gedämpfter Schuh – mit variabler Spregung durch Wechselen der Innensohle – ist der GoRun 4 von Skechers. Der soll ebenfalls das Abrollen über den Mittelfuß fördern. Vielleicht ist das eher ein Schuh für Dich.

                Cheers
                Sebi

                • Comment by Martin

                  Martin Antworten 3. September 2015

                  Ich fand ihn ganz interessant, da sowohl Gewicht und Sprengung für solch einen Schuh eher ungewöhnlich sind.

                  Den GoRun schaue ich mir mal an. Aber erst nach Frankfurt. Danke für den Tipp. ;)

              4. Comment by Sebastian

                Sebastian Antworten 3. September 2015

                Gerne :) Viel Erfolg auf dem Weg nach Frankfurt!

              5. Comment by Greg

                Greg Antworten 10. September 2015

                Hatte die Laufschuhe selbst einmal getestet, aber ich komme einfach nicht mit der Sohlenform klar, zu hoch und zu breit. Ich brauche da ein wenig mehr spiel und Flexibilität.

              6. PINGBACK › Hoka One One Clifton 2 im Test | HarleRunner - ein Laufblog aus Coesfeld

              7. PINGBACK › Test: Hoka One One Clifton | Brennr.de – Laufblog

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