Während die Carbonisierung der Laufschuhe selbst vor Trailmodellen keinen Halt macht, spiele ich schon länger mit dem Gedanken, von dererlei Exemplaren Abstand zu halten. Bisherige Experimente haben gezeigt, dass ich damit zwar schneller laufen kann, aber auf Dauer meinen alternden Knochen keinen Gefallen tue. Ob das wiederum an meinem bescheidenen Laufstil oder an der grundsätzlichen Sinnhaftigkeit liegt, sei mal dahingestellt.

Dass ich mit meinem Bauch- oder genauer gesagt Fußgefühl nicht ganz daneben liege, erklärt Joe Nimble: »Carbonplatten werden von der Laufschuhindustrie als Must-Have-Feature vermarktet. Aus anatomischen und biomechanischen Gesichtspunkten sind sie allerdings mehr als fragwürdig.«
Noch sind wir nicht so weit, dass Karl Lauterbach die Modelle mit Carbon als Killervariante des Laufschuhangebots deklariert hat, aber grundsätzlich ist man sich einig, dass man solche Schuhe allenfalls im Wettkampf und nicht im Training nutzen sollte.

Wo wir gerade bei eigenen, leidvollen Erfahrungen sind, bringe ich noch mal einen weiteren Punkt zur Sprache. Die Zehenfreiheit in einem Laufschuh ist nicht nur aus anatomischer Sicht sinnvoll, sondern erspart einem mit ziemlicher Sicherheit auch die ein oder andere Blase, die man als Erinnerung von Ereignissen wie diesem mit nach Hause nimmt.

First Look: Der Joe Nimble Ultreya

Joe Nimble Ultreya

Das Vorgeplänkel zu diesem Bericht musstet ihr nicht ohne Grund lesen. Der neue Ultrya von Joe Nimble stellt bei dem, was er zu bieten hat, augenscheinlich das Ü-Ei auf dem Markt dar, wenngleich diverse Mitbewerber, wie Altra oder Topo Athletic, ebenfalls breite Zehenboxen zu bieten haben. Nicht ohne Grund, denn eine optimale Zehenfreiheit sorgt für maximale Stabilität und einen natürlichen Laufstil.

Mehr als optisch auffällig ist die Sohle aus dem innovativen nmblFoam®, die selbst unter hoher Belastung für eine optimale Dämpfung und Energierückgabe sorgen soll. Das Dämpfungssystem wurde von einem der führenden Polyurethanhersteller speziell für Joe Nimble entwickelt und ermüdet laut Herstellerangaben weniger schnell als herkömmliche Zwischensohlenmaterialien. Allerdings ist nmblFoam® schwerer als übliche Dämpfungssysteme, demzufolge ist der Ultreya sicherlich nicht der Schuh für Bestzeiten, sondern eher ein Kandidat für die komfortable Trainingsrunde.

Joe Nimble Ultreya

Das ausladende Fersendesign sieht recht spektakulär aus, jedoch ist das Prinzip nicht ganz neu. Parke ich den Joe Nimble Ultreya im Laufschuhregal neben dem HOKA Clifton Edge, könnten die beiden verwandt sein. Ich muss jedoch zugeben, dass der Ultreya bei der Optik ganz klar den Design-Oscar mit nach Hause nimmt: Der Schuh sieht schon klasse aus.

Joe Nimble Ultreya

Der Ultreya hat eine Stackheight von 24 mm, die sich aus 18 mm nmblFoam® Sohle und einem 6 mm dicken Fußbett aus Evalen zusammensetzt. Der Schuh hat einen Nullabsatz (Ballen und Ferse auf einer Höhe) sowie keine Zehensprengung. Die Einlegesohle hat allerdings ein 3 mm starkes Fersenpolster, welches sich jedoch zusammendrückt und wir so beim Thema ZeroDrop noch auf der sicheren Seite sind. Apropos sicher: Für sicheres und rutschfestes Laufen auf Asphalt sorgt das Gekko-Design der Gummisohle, welches den Prinzipien der Biomimikry nachempfunden ist.

Joe Nimble Ultreya

Das Obermaterial des Ultreya ist recht außergewöhnlich. Wie sollte es auch anders sein bei dem Schuh? Es besteht aus einem multidirektionalen und atmungsaktiven Textil-Knit aus Nylon, welches sich im vorderen Bereich recht gut an den Fuß anschmiegt und dehnbar ist. Etwas ungewöhnlich für einen Straßenlaufschuh ist der recht üppige Zehenschutz. Der hintere Bereich ist mit einem Kragenpolster versehen und kommt mit einer Anziehlasche daher. Die Zunge ist fixiert und kann daher nicht verrutschen, zudem ist sie angenehm und nicht übermäßig gepolstert. Die dünnen und runden Schnürsenkel sorgen für guten Halt am Spann.

Joe Nimble Ultreya

Der Joe Nimble Ultreya in der Praxis

Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen und den Spannungsbogen mal wieder von Anfang an zu vermasseln: Selten war ich bei einem Schuh so sehr hin- und hergerissen. Das werdet ihr in den folgenden Zeilen mehrfach feststellen können.

Stellt euch die übliche Auspackzeremonie vor – kennt ihr sicher auch, wenn es neue Schuhe gibt. Karton auf und gleich das erste WOW: Ist der Schuh geil oder ist der Schuh geil? Ich durfte schon viele Laufschuhe testen, doch der Joe Nimble Ultreya ist mit Sicherheit eines der schönsten Exemplare, die je hier gelandet sind. Das hat, wenn ich ehrlich bin, auch ein klein wenig eine Rolle gespielt, als ich bei Joe Nimble nett nach einem Testexemplar gefragt habe. Aber nicht verraten, ne? Wir sind ja unter uns.

Schwer beeindruckt

Ja, und dann nimmt man den Schuh aus dem Karton und denkt so: Oups, der ist ja mal gar nicht so leicht wie gedacht. “290 Gramm (abhängig von der Größe)” steht da auf der Webseite in der Beschreibung des Schuhs. Meine Küchenwage behauptet, es wären 409 Gramm (Größe 43). Okay, die ist nicht geeicht, aber grundsätzlich liegt sie nie daneben. Damit wäre der Ultreya der schwerste Schuh, den ich je auf dieser Wage stehen und gleichzeitig am Fuß hatte. Nun denn – also nix für Intervalltraining. Egal, mache ich ja eh nicht. Insofern nehmen wir den Schuh mal in die Kategorie Trainingsschuh auf. Ist seitens Joe Nimble auch so kommuniziert (siehe oben) und liegt am Dämpfungssystem. Sozusagen die S-Klasse unter den Laufschuhen und nicht der 911er.

Joe Nimble Ultreya

Passt oder passt nicht?

Noch mal kurz ein Hinweis zum Thema Größe. Vor der Bestellung sollte man unbedingt die Größenberatung der Webseite in Anspruch nehmen oder gegebenenfalls die Joe Nimble App zur Größenermittlung nutzen. Normalerweise habe ich in Laufschuhen eine 44 oder 44.5, in dem Ultreya eine 43. Die App hat mir zu einer 42 geraten. Ihr seht – ein wenig kompliziert ist es schon. Am besten, ihr kontaktiert vorher den Support.

Nun, wenn er dann passt, dann passt er. So einfach könnte man es ausdrücken. Sowohl Fußbett als auch Upper fühlen sich toll an. Allerdings wären da zwei bis drei Kleinigkeiten, die mir dann doch etwas den Spaß verdorben haben. Da hätten wir zum einen die Zehenkappe, die für einen Straßenlaufschuh recht robust daherkommt. Genau jene Gummierung verhindert die Zehenfreiheit in die vertikale Richtung. Will heißen: Ich stoße mit den Zehen(nägeln) oben an. Das hätte nicht sein müssen.

Das Textil-Knit aus Nylon ist zwar sehr dehnbar und somit auch bequem, aber richtig luftig finde ich es nicht. Joe Nimble ist in diesem Jahr wieder Sponsor und Ausrüster des berühmten Badwater 135 Ultralaufs gewesen, wo diverse UltraläuferInnen mit dem Ultreya die 217 Kilometer durch das Tal des Todes gerannt sind. Da hätte ich angenommen, dass der Schuh etwas besser belüftet ist.

Erfahrungen beim Laufen

Ich hatte schon Schuhe im Test, die gleich beim ersten Lauf ordentlich rangenommen worden sind. In der Regel in der Form eines langen Laufs am Wochenende – gerne auch der 30er. Beim Ultreya war ich vorsichtig. Erstmal die kleine Hausrunde sollte es sein. Ich war mir nicht sicher, wie ich mit dem Gewicht zurechtkomme. Gut, mal abgesehen davon, dass man die 409 Gramm pro Schuh schon merkt, wenn man sonst Exemplare trägt, die um die 250 Gramm liegen, war es dank des sehr angenehmen Abrollverhaltens des Schuhs dann doch nicht so dramatisch wie gedacht. Da merkt man schon, dass sich da Fachleute mit der Konzeption des Schuhs befasst haben.

Auch die Dämpfung finde ich großartig. Sie ist weder zu weich noch zu hart. Allerdings besitzt sie auch nicht solch eine Reaktivität, wie sie manch ein Carbonschuh zu bieten hat. Okay, das wollen wir ja auch nicht – siehe oben. Ebenfalls begeistern kann die Stabilität der Sohle. Hier kippelt nichts, der Fuß wird super über den großen Zeh geführt, und nie hat man das Gefühl umknicken zu können. Perfekt.

Leider hat sich bereits nach der kurzen Runde gezeigt, dass die Fersenkappe bei mir Blasen verursacht. Experimente mit verschiedenen Socken und alternativen Einlegesohlen haben kurzfristig für Besserung gesorgt, aber als ich dann mutig wurde und den Schuh auf einem längeren Lauf ausprobiert habe, ging das Leiden von vorn los.

Joe Nimble Ultreya

Positiv hervorheben möchte ich noch das Verhalten der Gekko-Laufsohle bei Nässe. Der Schuh klebt selbst bei schlüpfrigsten Gegebenheiten am Asphalt. Hier wurde nicht zu viel versprochen. Vielen lieben Dank an den Gekko, der eigens dafür Pate stand.

Mein Fazit zum Joe Nimble Ultreya

Der Ultreya von Joe Nimble hat durchaus das Potential ein perfekter Laufschuh zu sein. Angefangen vom Konzept, dem Abrollverhalten, dem Design, einer Produktion in Deutschland bis hin zur veganen Herstellung. Vielleicht aber noch nicht in der ersten Auflage. Hier sind noch ein paar Baustellen, die es meines Erachtens zu beheben gilt. Ganz vorn wäre da sicherlich das Gewicht und die nicht unbedingt nötige Zehenkappe. Wünschenswert wäre auch ein etwas luftigeres Obermaterial sowie ein unproblematischerer Fersenbereich.

Joe Nimble Ultreya

 

Für die Transparenz

Der Joe Nimble Ultreya wurde mir für diesen Test kostenlos zur Verfügung gestellt. Den Bericht habe ich aus freier Hand geschrieben. Es wurde keinerlei Einfluss auf den Inhalt oder die Bewertung genommen.

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