Exit

Dieses Review starte ich einfach mal mit einer kleinen Plauderei aus dem Nähkästchen. Ich glaube, ich hatte noch nie erwähnt, dass ich während des Studiums mal bei Runners Point gejobbt habe, oder? Ungefähr zu der Zeit, es war Anfang der 90er, brachte Nike einen Air Max auf den Markt, der wie eine Socke am Fuß saß und auch ungeheuer stylisch aussah. Ich habe ihn geliebt.

Jetzt, im nächsten Jahrtausend angelangt, laufen gefühlt 99% aller Jugendlichen in Nike Free Modellen herum. Muss ich alter Sack mir das also auch antun? Ja, ich muss. Schließlich kann man in den Dingern auch laufen – also laufen im Sinne von rennen. Ihr wisst, was ich meine. Aber bis es endlich soweit kam, hat es eine Weile gedauert. Ziemlich skeptisch habe ich die Flyknit-Modelle im Laden beäugt. Das Material erinnerte mich an den Bezug von Omas Sofa, nur ein wenig poppiger. Das soll ein Laufschuh sein? Da ist doch nix dran. Und diese labbelige Sohle, die an den Enden so komisch nach oben steht…

Doch der Erfolg der Free-Serie ist unumstritten. So ist sie bereits im elften Jahr der Entwicklung angekommen und gilt als Wegweiser für den Barfußtrend. Natural Running – das Thema, das mich in letzter Zeit stark verfolgt und interessiert. Warum also nicht mal einen Versuch wagen und einen Nike Free Flyknit testen?

Gesagt, getan. Meine Eindrücke vom Nike Free 4.0 Flyknit – wie gewohnt offen und ehrlich, garniert mit mehr oder minder gekonnten Fotos und blumiger Prosa. Bitte sehr…

Lass mal sehen!

Ein richtiger Hingucker ist er ja schon. Man(n) fällt auf damit, das kann ich schon mal versprechen.

Ein richtiger Hingucker ist er ja schon. Man(n) fällt auf damit, das kann ich schon mal versprechen.

Dass dieser Schuh anders ist, merkt man gleich wenn man ihn aus dem Karton nimmt. An ihm ist alles leicht. Die Sohle, das Obermaterial – selbst die Ösen für die Schnürsenkel wirken so filigran, als würden sie sofort reissen, wenn man die Senkel zu stark zieht. Das einlagige Flyknit-Material ist nirgends steif, nicht einmal die Fersen- und Zehenkappe ist fest. 220 Gramm zeigt die Waage bei meiner Größe von EUR 44 an. Damit ist er zwar 20 Gramm schwerer als mein leichtester Schuh, der Asics Gel-DS Racer 10, fühlt sich aber dennoch leichter an, was garantiert am Material liegt. Nur eine Lage – was beim Toilettenpapier eher als Nachteil empfunden wird – hier ist es ein klarer Pluspunkt.

Hatte ich schon erwähnt, dass die Sohle so komisch hochsteht? Ja, hatte ich...

Hatte ich schon erwähnt, dass die Sohle so komisch hochsteht? Ja, hatte ich…

Eine hexagonale Struktur der Außensohle - kennen wir ja schon vom New Balance FreshFoam. Aber diese hier ist noch viel hexagonaler, wirklich!

Eine hexagonale Struktur der Außensohle – kennen wir ja schon vom New Balance FreshFoam. Aber diese hier ist noch viel hexagonaler, wirklich!

Free heißt er nicht umsonst. Die hexagonale Außensohle lässt sich in alle möglichen Richtungen biegen und winden. Bei noch keinem Schuh habe ich so viele Freiheitsgrade gesehen und erlebt, wie bei diesem hier. Fast jeder Quadratzentimeter der Sohle ist mit einer Kerbe versehen, die fast durchgängig ist. Das Material ist so weich, dass es sich mit der Fingerspitze ein wenig eindrücken lässt, bis auf den Bereich unter dem großen Zeh und dem äußeren Fersenbereich. Dort haben uns die Jungs und Mädels von Nike etwas festeres Gummi spendiert.

Die Bezeichnung 4.0 signalisiert nicht etwa die Höhe der Sprengung, denn die beträgt 6 mm. Sie steht vielmehr für die mittlere Version der Serie. Der 3.0 ist weniger gedämpft und der 5.0 mehr. Letzterer ist für Einsteiger in das Free Running womöglich die beste Wahl. Wem das alles zu kompliziert ist: Hannes hatte mal eine recht gute Übersicht der Nike Free Modelle erstellt.

Eigentlich mehr Socke als Schuh, doch das einlagige Flyknit-Material ist in Wirklichkeit stabiler, als es aussieht.

Eigentlich mehr Socke als Schuh, doch das einlagige Flyknit-Material ist in Wirklichkeit stabiler, als es aussieht.

Eine Fersenkappe, die man kaum so bezeichnen kann, und die eindeutige Deklaration - damit man weiß, woran man ist.

Eine Fersenkappe, die man kaum so bezeichnen kann, und die eindeutige Deklaration – damit man weiß, woran man ist.

Lass mal anprobieren!

Schuhe, die wie Socken aussehen, sitzen auch so. Wenn man die Schnürsenkel nicht gerade bindet, als wolle man sich strangulieren, spürt man von dem Schuh so gut wie nichts. Und wo so gut wie nichts ist, kann auch nichts drücken – so einfach ist das.

Apropos Socken. Auch ohne Socken fühlt man sich wohl – kein Wunder, wenn der Schuh selbst wie eine ist. Lange Rede, kurzer Sinn: nie hatte ich einen Schuh, der bequemer am Fuß war. Wahrscheinlich gibt es auch keinen. Von daher kann es nachher in dieser Kategorie nur die Höchstzahl an Punkten geben. Und da es bei der Anprobe nichts zu meckern gibt, kommen wir am besten gleich dazu, wie sich der Nike beim Laufen schlägt.

Lass mal laufen!

Gleich auf den ersten Metern merkt man es. Das Free-Gefühl. Der Schuh nimmt einem nichts ab, die Fußmuskulatur muss Höchstarbeit leisten. Gerade nach einer harten Trainingseinheit, wie beispielsweise nach einem langen Lauf am Wochenende, merkt man im Nike jede Sehne und jeden Muskel. Die Dämpfung ist gerade mal so vorhanden, die Stabilisation ist auf das Nötigste reduziert. Das muss allerdings kein Nachteil sein.

Gerade wenn man dabei ist, den Laufstil zu optimieren, ist jeder Eingriff in den Bewegungsablauf des Fusses eher hinderlich. Stabilisation und gut gedämpfte Schuhe sind da kontraproduktiv. Genau hier empfinde ich den Free in seinem Element. Ein Lauf-ABC habe ich nie intensiver erlebt.

Aber es gibt auch was zu meckern. Zwar keine Investigativ-Story à la Wallraff, denn das haben schon mehrere Rezensionen bemängelt: die Free-Serie sammelt Steine. Bevor ihr die Heimreise vom Türkei-Urlaub antretet, heisst es erst einmal Sohle sauber machen, sonst droht Ärger an der Grenze.

Hier sammelt sich einiges an Steinchen an, was das geringe Gewicht des Schuhs erhöhen dürfte.

Hier sammelt sich einiges an Steinchen an, was das geringe Gewicht des Schuhs erhöhen dürfte.

Meine Lieblingsrunde führt bekanntlich in die Aue. Wege, die hauptsächlich aus feinem Split und Steinchen bestehen. Bei dem ersten Ausflug mit dem Free habe ich erst einmal unwissentlich ordentlich Material gesammelt, welches dann auf dem heimischen Bodenbelag für merkwürdige Geräusche sorgte. Gott sei Dank ist nichts zerkratzt worden. Marmor ist halt beständig. Spaß beiseite – mir war der Umstand nicht bekannt, umso mehr überrascht war ich. Da die Sohle noch jungfräulich war, gestaltete sich die Operation in Sachen Steinentfernung noch recht kompliziert. Mit dem Brieföffner habe ich die feinen, miesen Steinchen entfernen müssen. Ich hätte auch Chirurg werden können. Jetzt, wo die Sohle schon etwas eingelaufen ist, reicht es, den Schuh etwas zu verwinden und zu biegen, um ihn von dem zusätzlichen Gewicht zu befreien.

Fazit

Der Nike Free 4.0 Flyknit ist ein Schuh, bei dem das Leistungsvermögen des Fußes im Mittelpunkt steht. Wer keine Lust auf Zehenschuhe oder gar Barfußlaufen hat, hat hier den optimalen Kompromiss gefunden. Laufspaß pur, allerdings eher für kürzere Einheiten oder das Training des Lauf-ABCs. Dabei sitzt der Schuh so bequem am Fuß, dass man ihn am liebsten ständig tragen mag.

 

Für die Transparenz

Die Schuhe wurden mir von Nike kostenlos zur Verfügung gestellt. Den Testbericht habe ich aus freier Hand geschrieben. Es wurde keinerlei Einfluss auf den Inhalt oder die Bewertung genommen.

Nike Free 4.0 Flyknit

130 €
Nike Free 4.0 Flyknit
89.166666666667

Passform

10/10

    Design

    10/10

      Stabilität

      8/10

        Dynamik

        9/10

          Verarbeitung

          10/10

            Spaßfaktor

            8/10

              Positiv

              • Passform optimal
              • Sehr leicht
              • Flexibiltät
              • Barfußfeeling

              Negativ

              • Sohle sammelt Steine
              • Lange Eingewöhnungsphase
              • Nur für kurze Läufe

              13 Kommentare

              1. Comment by Sebastian

                Sebastian Antworten 21. Juni 2015

                Schöner Bericht! Ich finde, dass 6mm Sprengung etwas zu viel ist, um von einem Barfußschuh sprechen zu können. Auch finde ich, dass noch recht viel Material unterm Fuß vorhanden ist und man wenig von der Struktur den Untergrunds mitbekommt. Die Sache mit den Steinen empfinde ich schon bei meinem Free Run 2 als lästig, aber da sammelt man zumindest nicht die Steine in der Größe von Katzenstreu mit ein. Das scheint sich beim Flyknit noch einmal zu verschärfen.

                Mich würde interessieren, wie sich das Obermaterial nach vielen Laufkilometern verhält. Was meinst Du – wird sich das stark weiten?

                Falls Du es noch minimaler haben willst: http://www.mizuno.eu/de/sports/running/footwear/37777/wave-universe-5#cU1GC135001 – weniger Schuh geht da nur noch ohne Schuh.

                • Comment by Martin

                  Martin Antworten 21. Juni 2015

                  Der Wert der Sprengung sagt allerdings oft nichts über das Feeling aus, welches man in dem Schuh hat. Der Newton hat zum Beispiel 4,5 mm. Wenn ich es nicht wüsste, würde ich ganz klar sagen, dass der Nike weniger hat.

                  Den Mizuno hatte ich auch schon gesehen, allerdings das vorherige Modell, welches ziemlich hässlich aussah. Der hier geht gerade so. Von New Balance gibt’s ja noch die Minimus-Reihe. Die finde ich auch ganz interessant. Momentan reicht mir der Level an Barfuß des Free aber erst einmal.

                • Comment by Alex

                  Alex Antworten 21. Juni 2015

                  @Sebastian Der Mizuno ist echt eine Rennsemmel und sollte aber auch nur hier verwendet werden. Mein erstes Modell war noch 400km komplett runter…

                  Der Free hört sich wirklich interessant an. Ich bin damals™ der ersten 4.0 gelaufen, der hatte noch keine Schnürung und saß daher nur solange gut am Fuß wie es nicht Bergauf, oder Bergab ging. War aber seinerzeit schon ein genialer Schuh.
                  Das Manko mit den kurzen Trainingsläufen legt sich mit der Zeit. Ich laufe im FiveFinger, oder im Mizuno auch Einheiten bis 20km ohne große Probleme. Alles eine Sache des Trainings und der Anpassung.
                  Aber, es ist eben nicht so bequem, da hast Du recht :)

                  • Comment by Sebastian

                    Sebastian Antworten 21. Juni 2015

                    @alexander: Du hast Recht. Der Schuh ist eigentlich ein Rennschuh. Ich nutzt ihn aber auch auf der Bahn und für kurze Trainings in Kombination mit den XCO-Trainern.

                  • Comment by Martin

                    Martin Antworten 21. Juni 2015

                    Mit fehlt da ein wenig die Geduld, um mit Schuhen dieser Art den Trainingsumfang zu steigern. Vielleicht habe ich auch Angst, dass ich mir damit die Knochen verhunze. Ist ja auch nicht so, dass ich keine Auswahl habe… :hehehe:

                    • Comment by Sebastian

                      Sebastian Antworten 21. Juni 2015

                      Stimmt. Man geht das gerne mal mit zu viel Elan ran und übertreibt. Dann ist natürlich die Gefahr groß, dass man übertreibt und sich schadet…

              2. Comment by Sebastian

                Sebastian Antworten 21. Juni 2015

                @Martin: Kommt ja darauf an was Du erreichen willst. Barfuß-Feeling oder eine veränderte orthopädische Belastung. Sicher wird der Fuß durch die weichere und flexiblere Sohlenkonstruktion anders gefordert, aber das alleine macht für mich keinen Barfußschuh aus.

                • Comment by Martin

                  Martin Antworten 21. Juni 2015

                  Ja, so gesehen hast du recht. Vielleicht einigen wir uns darauf, dass er ein guter Schritt dahin ist. ;)

              3. Comment by Thomas (Harlerunner)

                Ich habe den Schuh mal im Laden angehabt und hatte bereits nach einigen Schritten das Gefühl, dass die Sohle an Stellen unterstützt (sprich: drückt), an denen ich das nicht möchte. Auch wenn das sonstige Gefühl genau so war wie Du es beschreibst. Das mit den Steinchen fände ich allerdings auch lästig…

                • Comment by Martin

                  Martin Antworten 21. Juni 2015

                  Ich schätze, du meinst den Außenbereich der Sohle. Zumindest kommt es mir vor, als wäre da etwas, was bei anderen Schuhen nicht ist. Stimmt’s?

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