In meinem Alter kann ich mich durchaus als lebenserfahren bezeichnen. Wohl auch als erfahren im Laufen von Ultramarathons. Aus jedem Lauf nimmt man das ein oder andere Learning mit. Dass man es dann auch umsetzt, ist zwar empfehlenswert, aber nicht unbedingt in Stein gemeiĂźelt.
Wer den Bericht über meine Teilnahme bei der ersten Auflage gelesen hat, kann sich vielleicht an das Ding mit der Spitzengruppe und den anfänglichen Patzer bei der Navigation erinnern. Na, Martin. Das passiert dir doch heute beim 2. Frau Holle Märchenland Ultra nicht noch mal, oder? So doof kann man doch nicht sein. Doch, kann man.
The Spannungsbogen rulez
Ihr merkt schon, dass ich den Spannungsbogen gleich am Anfang auf einem etwas höheren Niveau halten möchte? Vielleicht vermisst ihr auch das übliche Mimimi, welches ich stets in den einleitenden Worten zum Besten gebe. Aber hey, was will ich machen? Nach dem durchaus erfolgreichen Jahresauftakt beim Tunnelweg-Teufelskanzel-Trailmarathon stehe ich heute sicherlich mit Respekt vor den 57 Kilometern und den rund 1.500 Höhenmetern am Start. Aber Angst vor dem Scheitern? Nein, das habe ich nicht.
Als Fan von Ritualen irritiert mich, dass man schon bei der zweiten Auflage derartig viele Neuerungen in einer Veranstaltung unterbringen kann. Erstens: Wir laufen die Strecke dieses Jahr entgegen dem Uhrzeigersinn. Zweitens: Der Start erfolgt heute nicht vor Marcels Garage, sondern vor der unweit gelegenen evangelischen Kirchgemeinde. Sie bietet den 42 Läuferinnen und Läufern durchaus mehr Platz, und den eben noch hektisch heruntergeschĂĽtteten Kaffee kann man anschlieĂźend gleich im Porzellan hinterlassen – gerade noch rechtzeitig, bevor das Briefing des Race Directors beginnt.
Unter den ĂĽblichen Verdächtigen finde ich nicht nur den von mir prognostizierten und späteren Sieger wieder. Nein, da kristallisiert sich zudem eine Spitzengruppe heraus, mit der ich aus reinen SympathiegrĂĽnden versuchen werde, auf den ersten Kilometern mitzulaufen. Mooooooment, Martin. Wie war das jetzt mit dem Learning aus der ersten Auflage? Du wirst doch wohl nicht…? Doch. Werde ich.
Ja, was sollen denn groĂź schiefgehen? Solange ich beim Quatschen nicht aus der Puste komme, werde ich schon nicht sterbend am Wegesrand verenden. Letztes Mal habe ich nach 18 Kilometern kurz vor dem MeiĂźnerhaus den Anschluss verloren. Wie lange ich wohl heute dranbleiben kann?
Nun ja, groĂźartig die Pace vorantreiben ist hier gerade eh nicht angesagt. Entweder stolpern wir quer durchs Totholz oder konzentrieren uns mehr auf eine durchaus ablenkende Kommunikation. Das Wort fĂĽr KĂĽchentratsch auf dem Trail muss noch gefunden werden, merke ich gerade.
Vorbei an pittoresken Schnitzereien, die darauf hinweisen, dass der Name der Veranstalung durchaus mit Bedacht gewählt wurde, geht es hinauf zur Günsteröder Höhe. Heute Morgen war es noch etwas schattig, aber nun verschwindet das ein oder andere erste Accessoire im Rucksack. Handschuhe braucht man nun wirklich nicht mehr. Mir ist warm. Das Thema wird später des Öfteren auftreten.
Dass es gerade (oder eher noch ?), so gut läuft, merkt man auch an der Anzahl der geschossenen Bilder. Dabei entsteht auch mein persönliches Foto des Tages. Danke Marcel, dass du auch unter Zwang gelungene Schnappschüsse hinbekommst.
Märchenland reversed
Mehr und mehr ertappe ich mich dabei, wie ich aus der Erinnerung die Streckenabschnitte vom letzten Jahr auf die Runde von heute projiziere. Gar nicht so einfach – aber spannend. Ich kann mich noch gut daran erinnern, das gerade jetzt und hier bei der ersten Auflage ziemlich geflucht hatte, weil es da noch mal gegen Ende elendig lang aber stetig bergauf ging.
Zudem war das Märchenland damals gar nicht so märchenhaft, denn mit dem Wetter hatten wir lange nicht so ein Glück wie heute. Ein Träumchen, oder?
Apropos Träumchen. Wir nähern uns langsam, aber sicher einem der schönsten Ecken dieses Laufs. Wohl wissend, was uns gleich erwartet, kassieren wir ohne großes Murren den ein oder anderen weiteren Höhenmeter ein.
Als Teilnehmer und Race Director in einer Person bleibt es nicht aus, dass Marcel selbst während des Anstiegs zur Burgruine Reichenbach bei der Koordination der VPs noch die ein oder andere Stellschraube zu drehen hat. Schon recht lässig, wie er das macht. Oder?
Willkommen im Bärlauch-Eldorado
Nennt mich gerne einen Kulturbanausen, aber das eigentliche Highlight hier oben ist nicht die Burgruine. Mich catchen eher die endlosen Bärlauchfelder. Okay, das mag jetzt sicherlich der Jahreszeit geschuldet sein, aber rein von der Optik her gebt ihr mir vielleicht recht.
Mit einem „hach“ auf den Lippen und dem ein oder anderen gezĂĽckten Smartphone in der Hand verlassen wir diesen Hotspot nur zögerlich…
…denn die nächsten Höhenmeter folgen unmittelbar und mit ihnen auch der ein oder andere erste Stockeinsatz.
Nur noch ein Marathon
Eine Laufuhr kann so richtig motivierend sein. Damit meine ich jetzt sicher nicht die GARMIN, die ich vor einiger Zeit besaĂź. „Unproduktiv“ meinte die im Ziel meines ersten Rennsteig Supermarathons so zu mir. „Ja, nee is klar. Deine Tage sind gezählt, Schätzelein.“
Die SUUNTO kann das besser. „Hey, Martin. Nur noch 42,03 Kilometer bis ins Ziel. Nicht mehr weit. Das schaffst du locker“, steht da jetzt in der Kurzfassung. Also nur die Kilometer. Das aber auch nur, weil der Platz auf dem Display nicht reicht.
Und da ist sie wieder – eine Stelle, an der ich mich erinnere, wie es mir letztes Jahr erging. Da hatte ich allerdings schon die Marathondistanz hinter mir.
Baywatch ohne Bay – aber mit David
„So, wie ihr da im Formationsflug den Berg runtergerannt kommt, erinnert mich das ein klein wenig an Baywatch“, platzt es aus mir heraus, als mir der weibliche Part unserer Spitzengruppe vor die Kameralinse läuft. Bay haben wir zwar hier nicht, aber Watch – bei dem Ausblick. „Dann bist du jetzt unser David“ finden die Mädels. Na, klasse. Da habe ich mir was eingebrockt. Nun ja, solange ich nicht „I’ve been looking for freedom“ trällern muss…
Hier looken wir erstmal for one of the highest hills of this run. 583 m hat der Eisberg. Nur ein wenig tiefer liegt der der dekorative Grenzstein von Hessisch Lichtenau.
Anders als im letzten Jahr habe ich bei den „GroĂźen Steinen“ noch Gesellschaft und darf deshalb mit aufs Gruppenbild. Ist das schon gelebte Inklusion älterer Mitmenschen? Ich befĂĽrchte es.
So langsam meldet sich das kleine HĂĽngerchen. Das geht scheinbar nicht nur mir so. Auf dem Weg bergab zum ersten Verpflegungspunkt legen wir daher ein kleines Schippchen zu.
Der Race Director trifft als Erster von uns am VP ein. Nicht, weil er am meisten Hunger hat – nein, sein prĂĽfendes Auge braucht ungehinderten Blick auf das Arrangement. Ist die Vita-Cola (yeah!) an Ort und Stelle? Hängt der MĂĽllsack parat? Ich finde, das passt alles perfekt und sage noch mal ganz herzlichen Dank. ❤️
Germany’s Next Trailrunner
Ein paar „meeeeegaaaa“ Kalauer („Nur einer von uns kann Germany’s Next Trailrunner werden“) begleiten uns ĂĽber den Kindelberg. Ich will mich nicht zu frĂĽh freuen, aber irgendwie habe ich das GefĂĽhl, dass das Ding heute gut ausgehen wird.
So langsam nähern wir uns dem Hohen Meißner. Sozusagen das Filetstück des heutigen Tages. Als Zwischengang wird uns zuvor aber noch der ein oder andere kleinere Anstieg serviert. Mal mit Gehölz und mal ohne.
Auf dem endlosen Anstieg nach dem Ort Küchen passiert es: Bei Marcel läuft es gerade nicht rund. Akuter Salzmangel lässt unseren eisernen Race Director spüren, was mir letztes Jahr bei KM 43 passiert ist. Es krampft im Gebälk. Nun ja, das wird schon wieder. Die Baywatch-Crew kommt zur Aufmunterung auch zu uns hinzu. Für Abwechslung ist somit gesorgt.
So stöckeln wir uns gemeinsam hinauf zur nächsten Aufgabe. Mir kommt wieder in den Sinn, wie es mir letztes Jahr an der Stelle erging.
Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wieso diese Seesteine Seesteine heiĂźen. Ein See ist in der Regel flach, soweit ich mich erinnere. Hier geht’s steil bergauf.
Mittlerweile haben wir etwas mehr als 29 Kilometer auf der Uhr, und ich hänge hier wie Gollum mit Gehhilfen in Form von derzeit nichts nützenden und arschteuren Carbonstöcken am Steilhang. Großes Kino. Vielleicht hätte ich doch mal Treppentraining am Herkules machen sollen? Ach was, wegen der paar Meter. Das geht schon noch.
Apropos „geht schon noch“. Oben angekommen, bin ich etwas im A…h. Setze ich mal auf die Learning-Liste fĂĽr die dritte Auflage. Obwohl – da halte ich mich eh nicht dran. Aber wo wir gerade beim Thema sind: Ihr erinnert euch an das Ding mit der Spitzengruppe?
Wir sind jetzt gleich auf dem Hohen MeiĂźner und haben schon 32 Kilometer hinter uns. Und noch immer klebe ich dem Jungvolk am Rockzipfel. Wenn das mal keine Steigerung gegenĂĽber dem letzten Jahr ist. Yeah!
Gemeinsam einsam
Hätte ich mal die Klappe gehalten. Nur wenige hundert Meter hinter dem MeiĂźnerhaus ist irgendwie das gute Bier alle. Während die Baywatch-Crew entfleucht, bleibt der Racedirector notgedrungen bei mir. Nicht, weil ich ihn angekettet habe – nein, er hat gerade wieder Krämpfe. So leiden wir auf die eine oder andere Art und Weise die nächsten Kilometer gemeinsam. Wir verpassen gemeinsam den Abzweig und stolpern gemeinsam durchs Unterholz…
…rennen gemeinsam den Grenzweg hinab, der zwar keine Betonplatten hat, aber dennoch die Bezeichnung „laufbar“ nicht wirklich verdient…
…und ergötzen uns gemeinsam daran, dass unsere Uhren jetzt „nur noch“ einen Halbmarathon bis ins Ziel anzeigen. #einhalbergehtimmer
Unsere Zweisamkeit wird einzig vom zweiten und letzten Verpflegungspunkt bei KM 38,5 unterbrochen. Hier tanken wir nach, und ich entledige mich meiner langen Hose. Keine Angst – die Shorts bleibt an.
Apopos Angst: Beim Überqueren von Bahngleisen hat man stets Vorsicht walten zu lassen. Um den weiteren Läufern eine sichere Überquerung zu gewährleisten, horcht Marcel höchstpersönlich an den Gleisen, ob sich ein Zug nähert. Ein Race Director, wie er im Buche steht!
Kurz vor GilsberghĂĽtte bekommen wir einen grandiosen Blick auf den Hohen MeiĂźner. Kaum zu glauben – da oben waren doch gerade noch.

Bei der Erreichen der Marathon-Distanz darf selbstredend das obligatorische Bild der Uhr nicht fehlen. Wirkt im Nachhinein albern, aber in dem Moment haben wir das gebraucht.
FremdenfĂĽhrer, Part I
Immer gut, wenn man einen FremdenfĂĽhrer zur Hand hat, im Idealfall ist das ein Einheimischer. Das denkt sich sicher auch die Läuferin, die gerade in Rommerode etwas verloren an einer Kreuzung steht und versucht, auf einer Karte (ja, sowas gibt’s tatsächlich noch!) den richtigen Abzweig zu finden.
Marcel ist nicht nur des Weges kundig, sondern sich in der Rolle des Race Directors und Organisators der heutigen Veranstaltung durchaus seiner Verantwortung bewusst, dass er nun – ganz gentlemanlike – nicht nur mir, sondern auch und vor allem der hilflosen Läuferin Geleit antragen muss. Gut, ĂĽber die Prioritäten bei den zu geleitenden Personen mĂĽssen wir noch mal reden.
Wir sind mittlerweile nicht nur beim Exbergsee, sondern auch auf meinem Tiefpunkt angelangt. Es läuft gerade etwas unrund bei mir. Ich versuche, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, als ich Christian am Wegesrand entdecke. Lieben Dank fĂĽr das Bild. Beim Shooting hat Ludmilla sicher das bessere Foto ergattert. Das nochmal zum Thema „Germany’s Next Trailrunner“. Ich hör’s schon: „Martin, ich habe heute leider kein Foto fĂĽr dich.“
Völlig einsam
„Kommst du wieder klar, oder sollen wir schon mal vorlaufen?“, fragt mich Marcel. „Ja, neee. Lauft ihr mal. Ich finde schon den Weg.“ Letzteres wird sich später noch als unwahr herausstellen, aber gerade wird klar, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, an dem ich erst einmal auf mich allein gestellt bin. Hat auch was fĂĽr sich. Hier, die BlĂĽmchen zum Beispiel – die hätte ich nicht fotografiert, wenn ich in der Gruppe unterwegs gewesen wäre.
Bei der berühmt-berüchtigten gelben Schranke hätte ich allerdings ein paar Statisten gebrauchen können. Nun ja, nächstes Jahr vielleicht.
FremdenfĂĽhrer, Part II
Immer gut, wenn man einen FremdenfĂĽhrer zur Hand hat, im Idealfall ist das ein Einheimischer. Ja, das hatten wir heute schon einmal.
„Hey, Martin!“ schalmeit es von hinten. Ja, da schau an. Wenn das mal nicht der Tim ist. Kurz vor dem Bunker Hirschhagen bekomme ich also erneut Gesellschaft eines Ortskundigen. Welch ein GlĂĽck. „Du hast doch sicher den Track auf der Uhr?“, fragt er mich. „Das habe ich mir nämlich gespart. Irgendjemand hat den immer drauf, und auĂźerdem kenne ich mich hier bestens aus. Ist schlieĂźlich mein Revier“ versichert er mir noch.
Ja, okay. Kann man also machen, denke ich mir. Gerne folge ich ihm, denn einen Pacer kann ich jetzt gerade ganz gut brauchen, auf den verbleibenden sechs Kilometern. Nur noch eine Hausrunde, Martin. Das machen wir jetzt mit links.
In Gedanken gehe ich durch, was jetzt noch kommt. Die ersten beiden von den drei Hirschhagener Teichen haben wir bereits hinter uns, nun muss gleich der dritte auftauchen. Kann nicht mehr lange dauern, nur noch diesen holprigen Weg bergab, an dem ich mich gar nicht mehr erinnern kann… (*hier dramatische Musik hindenken*)
„Sind wir noch auf dem richtigen Track?“, fragt mich Tim. „Ja, hey. Das frag ich DICH!“, denke ich mir, schaue aber sicherheitshalber mal auf die Navigation der Uhr. Schwarze Schrift auf gelbem Grund – das bedeutet nichts Gutes. „ROUTENABWEICHUNG“ war nicht das, was ich lesen wollte. Ich zoome raus, von 100 m auf 200 m – keine ursprĂĽngliche Route. 500 m – immer noch nichts. 1000 m – ah, da ging es also mal rechts rein. Hätten wir das auch geklärt.
Ihr erinnert euch: „…nur noch diesen holprigen Weg bergab…“. Auf dem Weg zurĂĽck bergauf muss Tim einige dumme SprĂĽche von mir ertragen. Sorry dafĂĽr. Ich Trottel hätte auch mal auf die Uhr schauen können, aber hey – einem FremdenfĂĽhrer rennt man doch blind hinterher. Nun, man lernt ja bei jedem Ultra etwas hinzu. Dieses Mal kommt gesundes Misstrauen hinzu.
Finale
Ob der Grund wirklich die 800 Meter waren, die wir uns verlaufen haben, weiĂź ich nicht genau. Aber auf den letzten Kilometern entlang der Losse ging bei uns beiden kaum noch was. Jetzt, wo ich hier die letzten Worte schreibe, weiĂź ich nur noch, dass mich eine halbe Flasche Vita-Cola wieder zurĂĽck ins Leben gebracht hat. Eine Wiederbelebung der seltsamen Art – ich weiĂź, aber der ein oder andere Ultraläufer wird es verstehen.
Daten zum 2. Frau Holle Märchenland Ultra
Ergebnisliste des 2. Frau Holle Märchenland Ultras | Link zur STRAVA-Aktivität














































































1 Kommentar
Comment by Mel
Mel 3. April 2026
Hey David,
mal wieder ein herrlicher Bericht, der mir heute ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hat.
Es war wirklich lustig und ich würde mich freuen, wenn du dich auch nächstes Jahr wieder deinen Badenixen anschließen würdest.
Und hey: Learnings sind dafĂĽr da, vergessen zu werden.
Liebe GrĂĽĂźe
Nixe Mel