Ohne erst einmal ausgiebig auf meine Mimimis hinzuweisen, geht hier normalerweise gar nichts in Sachen Racebericht. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist das bereits der Running Gag, von dem ich noch nichts mitbekommen habe. Normalerweise gibt es immer etwas, womit ich Mitleid erhaschen könnte. Knie, Rücken, Fuß oder alles zusammen, in diversen Kombinationen – dem Alter geschuldet. Doch heute spricht, bis auf meine arge Müdigkeit, nichts dagegen, dass dieser Tag in der Rhön ein rühmliches Ende haben wird.

Nach zwei verletzungsbedingten DNS im Frühjahr und einer etwas ausgedehnten Sommerpause ist die Vorfreude, mal wieder an einer Startlinie zu stehen, umso größer. Marcel übernimmt heute dankenswerterweise die Rolle des Chauffeurs, sodass ich mich auf der Fahrt zum diesjährigen HochRhön-BergTrail, noch etwas bräsig und im Chillmodus, entspannt auf das heutige Abenteuer vorbereiten kann.

Dem letzten Fitzelchen Müdigkeit geht es mit einem großen Becher Kaffee und später, kurz vor dem Start, mit einem Gel mit Koffein an den Kragen. Spätestens beim Countdown und mit dem Einschießen des Adrenalins werde ich hellwach sein.

Selfies zum Aufwärmen

Dank der Starterliste weiß ich ungefähr, wen ich heute Morgen in Hilders am Start sehen werde. Keine große Überraschung: Es sind die üblichen Verdächtigen. Entsprechend locker und entspannt geht es zu. In der Zeit, in der man noch keine Selfies und Gruppenbilder gemacht hat, wurde die Zeit bis zum Startschuss womöglich mit Dehn- und Aufwärmübungen verbracht. Braucht heutzutage anscheinend niemand mehr.

Die verbleibenden zwölf Minuten bis zum Start verbringe ich ausschließlich (nein, natürlich nicht) mit der Frage, ob ich die Regenjacke anziehe oder auch nicht. Wenn man der Wettervorhersage Glauben schenken darf, dann wird das heute eine ziemlich nasse Angelegenheit. Bisher hatte ich beinahe bei all meinen Marathons und Ultras – das sind mittlerweile schon ein paar – immer Glück mit dem Wetter. Nun, vielleicht bleiben wir auch heute verschont.

Nach müde kommt doof

Um die regnerische Stimmung ein wenig aufzuheitern, starten Marcel und ich die Challenge, wer das dööfste Selfie-Gesicht hinbekommt. Entscheidet gerne selbst, wer der Gewinner ist.

Entschieden habe ich mich übrigens für „Jacke aus“. Zeitgleich mit dem Countdown fängt es an zu tröpfeln. Nun ja, so viel dazu. Aber schon auf den ersten Metern hinaus aus Hilders und ab in die Natur zeigt sich, dass diese Wahl nicht verkehrt war.

Ich bin ja heute schon das fünfte Mal am Start. Im Grunde genommen gehöre ich also zum Inventar. Wenn das so weitergeht, schließe ich bei der Anzahl der Teilnahmen irgendwann mal im BiMa-Spähren auf.

Stau beim Almauftrieb

Was ich damit sagen will: Die Ritterschlucht ist mir wohlbekannt. Hätte ich zur Regenjacke gegriffen, würde sich die Nässe spätestens jetzt unter selbiger ähnlich stauen wie der Pulk von Läufern, die sich wie bei einem Almauftrieb gerade den Weg nach oben bahnen. Diesem Schauspiel kann man sich wohl nur entziehen, wenn man in der Spitzengruppe läuft.

Apropos Spitzengruppe. Selbstredend habe ich keinerlei Ambitionen, geschweige denn die Möglichkeit, dort vorne mitzulaufen, aber ein Schippchen drauflegen – das geht gerade ganz gut. Ich bin mir allerdings beinahe sicher, dass sich meine Unvernunft spätestens bei der Hälfte des Laufes rächen wird.

„Ich bin noch nicht so richtig in Fahrt“ – derart diplomatisch verpackt Marcel die Aufforderung, dass ich schon mal vorweglaufen soll. Kleiner Teaser auf das, was noch kommt: Ziemlich genau zur Hälfte wird er mich wieder einholen. Wetten, dass er es genau in dem Moment geahnt hat?

Schon nach wenigen Metern habe ich das völlig verzerrte Gefühl, dass ich vor Marcel bereits ein halbes Lichtjahr Vorsprung habe. Hmm, vielleicht hätte ich das Koffein-Gel doch weglassen sollen?

Die Euphorie nimmt Fahrt auf

Apropos weglassen: Benne hat bei der Planung der 42k-Variante ein paar Streckenabschnitte gestrichen, die ich im letzten Jahr noch als wenig attraktiv empfunden habe – um das mal vornehm zu umschreiben. Ihr werdet im späteren Verlauf noch davon lesen können. Stattdessen hat er einen Trailabschnitt eingebaut, den es bisher noch nicht gab. Womit wir wieder bei der Attraktivität angelangt sind: Mensch, Benne. Das war die beste Entscheidung ever. Wie geil ist das denn?

Als ich vom neuen Abschnitt wieder zurück auf die alte Strecke einbiege, rufe ich der netten wegweisenden Helferin zu: „Schick dem Benne mal eine WhatsApp. Das war eine mega geile Idee mit dem neuen Trail!“ – Ich hoffe, die Nachricht ist angekommen. ;)

Nun reiht sich ein Highlight an das nächste. Die vorangekündigte Cheering Zone steht an – so etwas wie die NOMADS vom ZUT, nur in HRBT. Wer braucht ein Kreuzeck, wenn er den Buchschirmberg haben kann?

Euphorisiert falle ich Jenny und Sabrina in die Arme, verschmähe ein Becks (hinterher habe ich von Tino erfahren: Das bringt mindestens eine Stunde!) und mache mich weiter auf den Weg nach oben – zur nächsten Drückung. Wie herzlich ist das denn hier alles? Och, Mensch. Danke! ❤️


 

Wenn aus Lichtjahren Zentimeter werden

Ich zitiere gerade mal etwas von oben: „Ziemlich genau zur Hälfte wird er mich wieder einholen“ und „ein halbes Lichtjahr Vorsprung“. Wir sind gerade bei Kilometer 21 (ja, ernsthaft!), als ich mir kurz vor dem Erklimmen des Ellenbogens die Regenjacke überziehe. Der Regen ist gerade doch etwas eklig.

Meinen Boxenstopp nutzt er eiskalt aus, der Marcel, und setzt zum Überholen an. Waren wohl doch keine Lichtjahre, sondern nur ein paar Zentimeter Abstand, die er hatte. Das Battle, wer zuerst oben ist, gewinne ich dennoch. :hehehe:

Im Grunde ist uns aber klar, auch wenn es unausgesprochen bleibt, dass wir das Ding nun gemeinsam zu Ende bringen. Denn gemeinsam jammert es sich einfach besser.

Jammertal Reloaded

Das mit dem Jammern erwähne ich nicht ohne Grund. Nun folgt der Weg bergab ins Tal. Kann man rollen lassen, denkt ihr. Nee, eben nicht. Das Einzige, was hier rollt, sind die blöden Steine auf dem Pfad runter nach Oberweid. Und die Oberschenkelmuskulatur meldet vorsorglich schon mal eine Behandlung auf der Blackroll an. Das zum Thema Rollen.

Bei jeder meiner bisherigen Teilnahmen hatte ich im Tal mein Tief. Der Name ist sozusagen Programm. Irgendwas ist heute hier aber anders. Klar, das Wetter ist schlechter. Aber der Weg im Ort ist ebenfalls anders. Vielleicht hätte ich mir vorher mal die Strecke anschauen sollen, dann wäre mir aufgefallen, dass Benne die Schleife hinter Oberweid herausgenommen hat. Der Besuch hier in Thüringen wird somit kürzer ausfallen als eigentlich gedacht. Dass sich deswegen meine Stimmung merklich bessert, erwähne ich völlig wertfrei. Wirklich!

Dass das Stimmungsbarometer ähnlich steigt wie gleich der Weg zurück nach oben, ist maßgeblich dem herzlichen VP am Ortsausgang geschuldet. Die La-Ola-Welle („The same procedure as every year, James!“) wird auf Anhieb erfolgreich für die Ewigkeit und diesen Bericht dokumentiert und bebildert, sodass wir uns ohne großen Zeitverlust auf den elendigen Anstieg machen können.

Der zaghafte Versuch von Marcel, mich erneut beim „Doofes-Gesicht-Battle“ herauszufordern, verpufft leider. Das ist aber nicht weiter tragisch, denn ich hatte diesen Teil der Strecke wahrlich schlimmer in Erinnerung.

Das Tief ganz oben

Der höchste Punkt der Strecke ist die Hintere Rhön mit 814 Metern. Warum ich das erwähne? Genau hier habe ich gerade nun doch noch mein Tief. Mir ist schlecht und ich habe absolut keinen Bock mehr. Hat man ja immer irgendwann. Aber ausgerechnet am höchsten Punkt der Strecke? Timing kann ich, oder?

Just in dem Moment überholt uns Simone in einer galanten Art und Weise, als wäre sie gerade erst losgelaufen. Wenn das so weitergeht, ist sie ein halbes Lichtjahr vor uns im Ziel.

Sagen wir es so: Die Aussicht, dass das mieseste Stück der Strecke noch vor uns liegt, macht die Laune nicht besser. Bis zum nächsten VP laufen wir entlang der Landesgrenze Lichtjahre Kilometer weit auf einem buckeligen Wiesenweg, der mir jedes Mal den Rest gibt. Das ist heute nicht anders. Er will und will nicht enden …

Am VP bekomme ich gerade mal ein kleines Stück Banane herunter. Na, das wird ein Spaß, der Weg zurück ins Ziel. Kann mich hier jemand fahren? Nein? Na, okay. Also weiter.

Mental Health

Oder aber: „Wie man durch eine kleine Streckenänderung neue Euphorie entfachen kann.“ Könnte ein Buchtitel sein. Vielleicht sollte ich doch mal eines schreiben.

Ich hatte darauf gehofft, aber sicher war ich mir nicht. Die Distanz des zusätzlichen Trails zu Beginn muss ja irgendwo an anderer Stelle entfallen. Aber dass es ausgerechnet hier sein wird? Bingo!

Normalerweise wären wir kurz nach dem Verpflegungspunkt links zu einer zusätzlichen Schleife abgebogen. Jetzt geht es stattdessen direkt in Richtung Fernmeldeturm. Und der – der ist gedanklich schon beinahe das Ziel. Jetzt kann nichts mehr schiefgehen. Oder vielleicht doch?

Kurzer Adrenalinschub incoming

Der ikonischste Teil der Strecke ist sicherlich der schnurgerade Singletrail-Downhill zurück ins Ulstertal. Schon beim Einbiegen auf den Trail denke ich mir: „Hey, lass mal langsam angehen.“

Kann gut sein, dass diese Zaghaftigkeit für etwas gut war, denn nur wenige Meter später komme ich ins Straucheln und mache schon eine leichte Flugbewegung. „I believe I can fly“ trällere ich allerdings nicht. Eher schießt mir das Adrenalin in den Kopf, und ich bekomme es irgendwie gerade noch hin, wieder mit den Füßen statt mit dem Kopf zu landen. Puh, gerade noch mal gut gegangen.

Nach dem Schock dürfte es verständlich sein, dass meine Risikobereitschaft auf den restlichen Kilometern bis ins Ziel merklich reduziert ausfällt. An einigen Stellen stehen sogar Streckenposten, die auf gefährliche und rutschige Abschnitte hinweisen. Meine Vorsicht scheint also begründet zu sein – eine Lizenz zum Schisshaben, sozusagen.

Die Bestzeit im Blick

Das mit der Vorsicht ändert sich schlagartig, als wir wieder festeren Boden unter den Füßen haben. Unter 5:10 h ankommen – das ist unser Ziel. Sollte machbar sein und wäre in meinem Fall sogar meine Bestzeit auf der Strecke. Noch „oben am Tiefpunkt“ hätte ich niemals damit gerechnet, dass es heute so enden könnte.

Vielleicht lag’s an den schnellen Schuhen? Oder doch am Koffein-Gel? Wohl eher daran, dass mich Marcel auf der zweiten Hälfte doch noch gepusht hat. Danke dafür!

Das mit den unter 5:10 h hat leider nicht ganz geklappt. Marcel rennt mit einer 05:10:00,6 über die Matte und ich mit einer 05:10:00,9. Da kommt der also ein halbes Lichtjahr vor mir rein, der Sack!

Bratwurst und Bier

Mein letztes Bratwurst-Erlebnis im Zuge eines Wettkampfs war beim diesjährigen BiMa. Da hatte ich sie mir nicht verdient, zumindest nicht lauftechnisch. Dieses Mal schon. Ein Bierchen gab’s heute auch noch dazu. Perfekte Regeneration sieht wahrscheinlich anders aus, ich weiß. Aber aus dem Alter bin ich raus. Ebenfalls aus dem Alter, in dem ich beim HRBT noch mal wie einst auf dem Treppchen landen werde – nach der Senior Master Class kommt nichts mehr. Apropos Treppchen – sau stark, Simone!

DANKE!

Vielen Dank für diese tolle Veranstaltung an das Team vom BECK HochRhön-BergTrail. Ihr werdet immer in meinem Läuferherzen sein. ❤️

Daten zum Lauf

 

If it’s not on STRAVA, it didn’t happen.

2 Kommentare

  1. Comment by Oliver

    Oliver Antworten 16. September 2026

    Na herzlichen Glückwunsch, gut durchgezogen! Im Regen läufts sich eben leichter ;-) Ich muss gestehen, dass ich am Sonntag schon etwas neidisch an euch gedacht hab, statt auf dem Trail, war ich stundenlang auf der Autobahn. Die Streckenoptimierung klingt toll, aber das fiese Steigungsmiststück hinter Oberweid ist immer noch dabei. Ich hoffe echt nochmal in Hilders (mit Sandalen) an den Start zu gehen, mal schauen ob das klappt. Sehr schöne Veranstaltung eben! Gruß an Benne! :-)

    • Comment by Martin

      Martin Antworten 16. September 2026

      Danke dir. :)

      Das Miststück geht schon okay. Ich könnte eher auf den buckeligen Wiesenweg verzichten. Aber im Großen und Ganzen ist die Strecke schon wirklich sehr schön. Und die Veranstaltung an sich kann man kaum besser machen.

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