Exit

Ja, ihr lest richtig. Diesmal gleich zwei Schuhe im Test. Das ist für einen ambitionierten Hobbyläufer wie Weihnachten und Ostern zusammen. Zwei Schuhe, die auf der Mizuno Webseite in der Kategorie »Performance« geführt werden. Da schwillt die Brust und man sieht sich wie im Traum in einer Slow-Motion-Aufnahme mit ausgestreckten Armen das Zielband durchqueren.

Bevor es auf die Strecke geht, gilt es die Optik der Schuhe genau unter die Lupe zu nehmen. Mizuno ist ja bekannt dafür, keine 08/15-Designs zu liefern. Je schneller der Schuh, desto auffälliger der Look – das kommt bei dem Wave Hitogami 2 und dem Wave Aero 13 mit Sicherheit hin.

Ernie (rechts) und Bert (links) - nicht nur die Farben, sondern auch die Form der Ferse erinnern mich an die zwei Jungs aus der Sesamstraße.

Ernie (rechts) und Bert (links) – nicht nur die Farben, sondern auch die Form der Ferse erinnern mich an die zwei Jungs aus der Sesamstraße.

»Design is knowing when to stop«

Kennt ihr den Spruch? Der kam mir sofort in den Sinn, als ich die beiden Kandidaten in der Hand hatte. Schaut man sich den Wave Aero 13 an, so scheint es bei Mizuno zwei unterschiedliche Design-Abteilungen zu geben. Grundsätzlich finde ich das gelbe Outfit mit den roten Elementen sehr ansprechend.

Auffälliges Design? Check! - Schuhe aus dem Land der aufgehenden Sonne müssen wohl so aussehen.

Auffälliges Design? Check! – Schuhe aus dem Land der aufgehenden Sonne müssen wohl so aussehen.

Etwas altbacken kommt allerdings das Upper daher, welches ein wenig so aussieht, wie von Modellen, die ich noch vor einem Jahrzehnt getragen habe. Viele Nähte, sehr offenporig – das geht mit Sicherheit moderner und ist für einen Wettkampfschuh – man korrigiere mich, wenn ich falsch liege – auch eher untypisch. Der Oberknüller sind jedoch die Schnürsenkel. Ganz nach dem Motto „Früher war mehr Lametta“ hat man das Rot mit einem silbernen Fädchen durchwirkt. Was zum Teufel rauchen die da in Japan? Das ist mir wirklich etwas too much.

Links: Früher war mehr Lametta! // Rechts: Das sieht schon besser aus. Ganz klar schon mal der Favorit in Sachen Optik.

Links: Früher war mehr Lametta! // Rechts: Das sieht schon besser aus. Ganz klar schon mal der Favorit in Sachen Optik.

Den Hitogami 2 gibt es hierzulande in der Farbkombination »Vibrant Orange / Black / Diva Blue«. Die Diva trifft es recht gut, denn das Design dieses Schuhs hat schon etwas sehr Außergewöhnliches. Hier hat man sich mächtig Mühe gegeben, ich würde es als künstlerisch wertvoll beschreiben.

Das Land der aufgehenden Sonne – personalisiert in Form eines Laufschuhs. Man ziert sich regelrecht, den Schuh bei schlechtem Wetter zu laufen, nur damit er nicht unter potentiellen Schmutzattacken leidet. Selten bin ich auf einen Schuh so oft angesprochen, wie auf diesen – die Reaktionen waren durchweg positiv.

So muss ein Schuh aussehen, wenn man auffallen will. Rundum gelungen, wie ich finde.

So muss ein Schuh aussehen, wenn man auffallen will. Rundum gelungen, wie ich finde.

Die Optik ist bei einem Laufschuh allerdings sekundär. Viel wichtiger sind Passform und Laufeigenschaften. Widmen wir uns also wichtigeren Kriterien.

Hineingeschlüpft…

Wenn ich etwas hasse, dann sind es Klumpen am Fuß. Sprich schwere, klobige Laufschuhe. Das ist hier glücklicherweise nicht der Fall. Meine Küchenwaage gibt für Aero 240g und für den Hitogami 245g je Schuh an, jeweils in Größe 44. Das widerspricht zwar den Herstellerangaben, denn dort wird der Hitogami als der leichtere Schuh beworben, aber vielleicht lügt ja auch das Stück High-Tech vom Lebensmitteldiscounter. Egal, die Unterschiede sind eh nur marginal.

Dafür, dass beide Schuhe den gleichen Einsatzzweck erfüllen sollen, fühlen sie sich am Fuß jedoch recht verschieden an. Dem Hitogami 2 merkt man im Vergleich zum Aero 13 an, dass er flacher ist. Klar, denn er ist ja auch weniger gedämpft. Die Schnürung verleiht dem Mittelfuß gute Stabilität, geht aber recht schnell auf, wenn man keinen Doppelknoten macht. Im Vorfuß ist ausreichend Platz, die Zehen haben auch oben hin genug Raum. Sehr angenehm finde ich auch die niedrige Fersenkappe.

Im Aero 13 habe ich den Eindruck, dass der Halt eher im Rückfuß stattfindet. Der Schuh ist um die Knöchel im Vergleich zum Hitogami recht hoch, auch im Fersenbereich. Viel Luft nach oben ist da nicht mehr, sonst hätte ich Probleme mit Druckstellen. Im Vorfußbereich ist er etwas enger geschnitten, was beim Lauf sehr angenehm ist. Hinzu kommt, dass man in ihm gut über den großen Zeh abrollen kann. Eine Eigenschaft, die gerade bei schnellen Läufen nicht unbedingt verkehrt ist.

Beide Schuhe haben eine gut gedämpfte, ca. 5 mm dicke Einlegesohle. Im Hitogami hat man fast den Eindruck, dass sie den Löwenanteil der Dämpfung übernimmt – so bequem ist sie.

Auch bei der Zunge der Schuhe gibt es nichts zu meckern. Keine von beiden drückt, die Polsterung ist optimal, so dass man beim Schnüren auch etwas mehr Druck erzeugen kann, ohne dass der Spann wehtut.

…und los!

Sicher kennt ihr das Gefühl, dass ihr auf den ersten Metern sofort das glückliche Gefühl habt, dass der Schuh der Richtige ist. Das war bei dem Wave Aero 13 der Fall, denn er erinnert mich spontan an den Wave Inspire, mit dem ich bereits positive Erfahrungen gemacht habe. Der Aero ist allerdings direkter und sitzt besser am Fuß. Man hat förmlich den Zwang, ein klein wenig mehr Gas zu geben. Dadurch, dass die Dämpfung zwar spürbar, aber nicht schwammig ist, hat der Fuß auch auf längeren Strecken keine Chance zu ermüden.

Mein erster Lauf mit dem Wave Aero 13 fand übrigens bei recht ungemütlichem Wetter statt. Beachtlich ist der Grip der Sohle, die weder mit Nässe, noch mit Schnee Probleme hatte.

Kurze Hosen kann man auch im Winter tragen. Dann muss allerdings das Schuhwerk zur Hautrötung passen. Check!

Kurze Hosen kann man auch im Winter tragen. Dann muss allerdings das Schuhwerk zur Hautrötung passen. Check!

Auch auf längeren Läufen macht der Wave Aero 13 einen guten Eindruck. Ich war mutig und testete den Schuh auf einem 25 KM Lauf im Marathon-Renntempo. Das mache ich sonst nur, wenn ich mir 100% sicher bin, dass es keine bösen Überraschungen gibt. Ihr ahnt es – es gab keine Probleme. Der Fuß ermüdete nicht, und dass, obwohl der Schuh eigentlich ein Neutralschuh ist und ich sonst Schuhwerk mit einer leichten Pronationsstütze bevorzuge. Die Sprengung von 9 mm ist dem sicherlich zuträglich. Sie liegt in dem Bereich, der mir zusagt. Mehr hätte es allerdings auch nicht sein dürfen.

Beide Schuhe im Vergleich: der Hitogami 2 ist ein Schotte in Sachen Dämpfung. Sieht man sogar in der Draufsicht, oder?

Beide Schuhe im Vergleich: der Hitogami 2 ist ein Schotte in Sachen Dämpfung. Sieht man sogar in der Draufsicht, oder?

Schon beim bloßen Betrachten beider Schuhe ahnt man, dass der Hitogami 2 im Vergleich zum Aero 13 dem Läufer einiges abverlangen wird. Sofort auf den ersten Metern spürt man, was es heißt, einen echten Renner unter dem Fuß zu haben. Bretthart ist das Stichwort, das fühlt man nicht nur, man hört es auch. Beim Wettkampf von hinten anschleichen ist nicht – der Hitogami 2 knallt auf den Asphalt. Das hat zumindest positive Auswirkungen auf meiner Hausrunde, den Mamas mit Kinderwagen und Papas mit Familienhunden machen schreckhaft Platz, wenn ich von hinten angerast komme.

Allerdings geht diese Eigenschaft des Schuhs auch auf die alten Knochen. Läufer, die zumindest nicht im Ansatz einen sauberen Laufstil haben, sollten besser die Finger vom Hitogami 2 lassen oder sich auf eine längere Eingewöhnungsphase einstellen. Letztere hatte ich auch: erst beim dritten oder vierten Lauf konnte ich mich mit dem Schuh anfreunden. Ausgerechnet auf einem längeren Lauf, bei dem ich bewusst darauf geachtet habe, auf dem Mittelfuß zu laufen. Diese Runde ging übrigens durch den Wald. Auf geschotterten Forstwegen spürt man jeden Stein – ok, vielleicht ist die dünne Sohle nicht ganz so geeignet für dieses Terrain. Der Aero ist da übrigens nicht so empfindlich. Auf weichem Boden lief es sich jedoch hervorragend. Dennoch muss man sagen, dass es ein Wettkampfschuh ist und die gehören nun mal auf den Asphalt.

Die Sprengung des Hitogami 2 liegt übrigens ebenfalls bei 9 mm. Kommt mir allerdings nicht so vor, denn ich hätte gewettet, sie läge viel niedriger.

Mein Fazit

Fangen wir mit Ernie, also dem Mizuno Wave Hitogami 2 an. Selten habe ich bei einem Schuh so lange gebraucht, bis ich mich an ihn gewöhnt habe. Der Hitogami ist hart. Bretthart, um genau zu sein. Gleich nach dem ersten Lauf fragte ich mich, wieso Mizuno ihn nicht besser »Harakiri« getauft hat. Keiner meiner bisherigen Schuhe geht mit meinem Laufstil so hart in’s Gericht, wie dieser Kollege hier. Rückfußläufer werden gnadenlos bestraft, bis sie meinen, sie müssten sterben. Optimal ist dieser Schuh also für Mittel- und Vorfußläufer, die auf der Suche nach einem schnellen und direkten Wettkampfschuh sind.

Vorfußläufer bin ich nicht, Mittelfußläufer schon eher. Zumindest möchte ich naher Zukunft meinen Laufstil darauf umstellen, was jedoch nicht ganz so einfach ist. Vielleicht ist auch genau das der Grund, wieso mir der Hitogami 2 erst nach einem längeren Lauf signalisiert hat, dass wir doch Freunde werden sollten. Gut gedämpfte Schuhe verleiten mich nämlich dazu, sorglos mit dem Laufstil zu sein und mit der Ferse aufzukommen. So bleibt mir nur, artig Danke zu sagen, wenn der Harakiri äh Hitogami mich in die Schranken verweist.

Wieso der Mizuno Wave Aero 13 nicht die Publicity bekommt, die er eigentlich verdient, ist mir fraglich. Der Bert ist schnell, leicht, direkt und trotzdem eine tolle Dämpfung – welcher Schuh kann schon alle diese Eigenschaften erfüllen? Ich jedenfalls habe ein echtes Problem: die Entscheidung, welcher Schuh es auf der Halbmarathon-Distanz sein soll, wurde nicht einfacher, seit der Aero 13 bei mir im Schuhschrank steht.

Für die Version 14 wünsche ich mich mir eine Renaissance der Optik und ein moderneres, am besten nahtloses Obermaterial. Ansonsten gibt es an dem Schuh wenig auszusetzen. Eine Kritik, die man also eher als Jammern auf hohem Niveau sehen kann.

Und wenn ich noch einen Wunsch frei hätte – ja dann hätte ich gerne eine Symbiose aus beiden Schuhen. Ist das machbar, Mizuno?

Mizuno Wave Hitogami 2

115 €
Mizuno Wave Hitogami 2
8.75

Passform

80/10

    Design

    95/10

      Stabilität

      90/10

        Dynamik

        90/10

          Verarbeitung

          95/10

            Spaßfaktor

            75/10

              Positiv

              • - außergewöhnliches Design
              • - sehr direkt
              • - fördert Mittelfußlauf

              Negativ

              • - sehr harte Dämpfung
              • - Schnürsenkel gehen schnell auf
              • - lange Eingewöhnungsphase
              • - ungeeignet für Fersenläufer

              Mizuno Wave Aero 13

              125 €
              Mizuno Wave Aero 13
              8.4166666666667

              Passform

              85/10

                Design

                70/10

                  Stabilität

                  85/10

                    Dynamik

                    90/10

                      Verarbeitung

                      95/10

                        Spaßfaktor

                        80/10

                          Positiv

                          • - leicht und dynamisch
                          • - gute Dämpfung
                          • - guter Grip auch auf nassem Asphalt und Schnee

                          Negativ

                          • - Schnürsenkel im Lametta-Look
                          • - Mesh etwas altbacken
                          • - etwas schmutzempfindliches Obermaterial

                          Für die Transparenz

                          Die Werbeagentur von Mizuno Deutschland hat mir die Schuhe kostenlos zur Verfügung gestellt. Den Testbericht habe ich aus freier Hand geschrieben. Es wurde keinerlei Einfluss auf den Inhalt oder die Bewertung genommen.

                          5 Kommentare

                          1. Comment by Alex

                            Alex Antworten 17. März 2015

                            Schönes Review, leider sind beide Schuhe nichts für mich. 9mm Sprengung sind mir zuviel.

                            Ein kleiner Tipp am Rande:

                            https://www.youtube.com/watch?v=zAFcV7zuUDA

                            Damit gehören Doppelknoten, oder offene Schnürsenkel, der Vergangenheit an.

                            • Comment by Martin

                              Martin Antworten 17. März 2015

                              Ah, danke für das Video. Ich hab mit jetzt 47 Jahre die Schuhe auf herkömmliche Art und Weise gebunden. Ich bezweifle, dass ich mir das abgewöhnen kann, aber einen Versuch ist es wert. ;)

                              Zur Sprengung: wie schon gesagt – der Hitogami kommt mir wesentlich flacher vor.

                          2. PINGBACK › Test/Review: Mizunos Minimalschuh Wave Hitogami 2 - Vegantastisch

                          3. PINGBACK › Mizuno Wave Hitogami 2 im Test | HarleRunner - ein Laufblog aus Coesfeld

                          4. PINGBACK › Im Test: Mizunos Minimalschuh Wave Hitogami 2 - Vegan's Health

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