Er ist der mittlerweile einzig verbliebene Wettkampf jenseits der Trails, der bei mir fest im Kalender steht. Nicht nur, weil ich mit ihm den Einstieg in mein Läuferleben verbinde, sondern auch, weil er seinen ganz eigenen Charme hat.

Der Kassel Marathon ist eine Großveranstaltung. Aber eigentlich auch wieder nicht – zumindest wenn man ihn mit den Pendants in Berlin, Frankfurt oder Hamburg vergleicht. Zugegeben – solch eine Metropole ist mein Geburtstort wohl kaum, und viele kennen die Stadt nur vom Vorbeifahren auf der A7. Das allerdings ist schade, denn immerhin haben wir hier den größten Bergpark Europas und demzufolge vielleicht, und auch gerade deswegen, einen Marathon mit ein paar Höhenmetern.

Kassel Marathon 2023

Vor dem Start: OB Dr. Sven Schoeller verrät Michael Aufenanger seine Wettkampfstrategie.

Mit dem Alleinstellungsmerkmal eines laufenden Oberbürgermeisters kann ich, nach kurzer Recherche, leider doch nicht dienen: OB Dr. Sven Schoeller nimmt zwar aktiv als Schlussläufer bei der Mixed Staffel „Grün – läuft.“ teil (Spoiler: Endergebnis 04:04:52), sein Amts- und Parteikollege in Hannover, Belit Onay, legte vor ein paar Wochen allerdings erfolgreich vor. Grün läuft’s also auch in Hannover.

Komm zur Sache, Martin…

Sorry. Immer das Gleiche, ich weiß. Aber so ein Halbmarathon ist nun mal recht kurz, da muss ich den Bericht eben anderwärtig ausschmücken. Apropos Ausschmücken: In der Regel sind meine Berichte reich oder zumindest ausreichend bebildert. Heute habe ich mir jedoch vorgenommen, mich mit meiner Zeit vom Vorjahr zu batteln. Also irgendwas um die 1:38 oder vielleicht auch etwas besser. Und da habe ich leider nicht mehr die Muße, während einer Pace von um die 4:40 mit der GoPro oder dem iPhone rumzuspielen.

In der Hoffnung, dass ich von mir nach dem Lauf vielleicht den ein oder anderen brauchbaren Schnappschuss unter den Bildern auf der Website der HNA oder des Kassel Marathons finden kann, begebe ich mich also an den Start.

La Ola und los

Ja, was geht denn hier ab? Eine La-Ola-Welle am Start des Kassel Marathons? Da hat wohl jemand meine Berichte vom BiMa und vom BergTrail gelesen. Wird ja immer besser heute. Nicht nur, dass ich mit Walter einen idealen Pacemaker dabei habe – jetzt gibt’s auch noch Partystimmung und ein paar Regentropfen zur Abkühlung. Mit all dem habe ich nicht gerechnet. Vor allem nicht mit Walter, denn der hatte monatelang mit einer Verletzung zu kämpfen. Und genau jetzt stehen wir hier und wollen gemeinsam die 1:38 angehen – so ist zumindest der Plan.

Kassel Marathon 2023

Eine La-Ola-Welle und Partystimmung am Start des Kassel Marathons 2023. Hey, das kann was werden, heute.

Als ich mit Walter den ersten Kilometer hinter mir habe, ist der Regen schon vorbei und die La-Ola-Welle längst abgeebbt. Huch, 4:23 haben wir dafür benötigt – etwas zu flott. Egal, alles was wir jetzt zu schnell laufen, haben wir hinterher als Puffer, wenn es mühsam bergauf geht. Ist ja nicht so, dass wir nicht wüssten, was uns erwartet. Für mich ist es bereits die siebte Teilnahme an der Veranstaltung.

Nach 22 Minuten und 13 Sekunden erreichen wir die 5 km-Marke. Irgendwie habe ich Zweifel, dass wir das heute – vor allem bei den inzwischen schon recht hohen Temperaturen – in der Geschwindigkeit bis zum Schluss durchhalten werden. Wäre ich jetzt allein unterwegs, würde ich einen Gang rausnehmen. So aber läuft Walter neben mir, der sich zu allem Übel auch noch mit seinen Vereinskameraden battelt. Immerhin kann ich davon überzeugen, wenigstens nicht an den VPs durchzurennen. Ein Schluck aus dem Becher, der Rest auf den Kopf – besser ist das!

Die 10 Kilometer stehen nach 44:33 auf der Uhr. Nicht schlecht, alter Mann. Doch bald wird sich das mit dem Geschwindigkeitswahn erledigt haben, denn durch Rothenditmold laufen wir die nächsten sechs Kilometer erst einmal „alszus“ bergauf.

Sieht gut aus!

Als wir von der Wolfhager Straße in die Zentgrafenstraße einbiegen, steht mein Physio an der Ecke. „Da sieht gut aus!“ ruft er mir zu. Na, der wird’s wissen. Prinzipiell hat er aber schon mal recht, denn an dieser Stelle ging es mir das ein oder andere Mal schon mal wesentlich schlechter als heute. Sicherlich – es ist mühevoll bergauf zu laufen, aber irgendwo da oben geht’s auch wieder bergab.

Und das tut es zunächst in der Breitscheidstraße. Dieses legendäre Stimmungshoch beflügelt Walter derart, als hätte er ein Sixpack Red Bull auf ex getilgt. „Gib Gas, ich komme nach“ brülle ich ihm hinterher, wohl wissend, dass ich da lieber nicht mithalten werde, sonst laufe ich Gefahr, dass ich noch vor Joe’s Garage irgendwo den Mageninhalt hinterlasse. Und das will ja keiner – ausgerechnet hier, wo die Stimmung am besten ist.

Endspurt

Seit letztem Jahr darf die Läuferschar Kassels Einkaufsmeile bevölkern. Bevor man in den zu erwartenden Trubel einbiegt, gilt es auf der Fünffensterstraße bergab noch mal ordentlich Anlauf zu nehmen. Aber nicht zu viel, sonst trägt einen die Fliehkraft aus der Kurve und man landet auf der Treppe am Fuße von Schoellers Amtssitz. Schon allein um nicht in den vielen Straßenbahnschienen auf den letzten Metern des Rennens umzuknicken, habe ich es gut sein lassen mit dem Übermut. Schließlich muss man auch etwas Zeit haben. Für die Fans in der Oberen Königstraße zum Beispiel. Nun ja, da hätte ich doch Gas geben können – hier hat man für das Spektakel eher weniger Interesse.

So, jetzt nur noch schnell beim Staatstheater ums Eck runter zur Orangerie und dann auf einem ekelhaften Pflaster an der Karlsaue lang. Zack, da ist er: Der letzte Kilometer des Kassel Marathon 2023, bevor es auf die legendäre Stadionrunde geht. Kurz davor stehen, völlig unerwartet, die Holde und der Nachwuchs am Streckenrand. Hach, wie schön. Derart angefeuert fliege ich mit einer 1:35:38 über die Ziellinie, was tatsächlich – men should it not for possible hold – für einen 3. Platz in meiner Alterklasse gereicht hat. Schon wieder Treppchen!

Schade, schon vorbei.

Ja, ernsthaft. Ich glaub, das war mein erster Gedanke. Über die überraschend gute Zeit freue ich mich erst, als ich mich mit einem nassen Schwamm und mehreren Bechern Wasser äußer- und innerlich abgekühlt habe sowie meine Rumpelstilzchen-Finishermedaille in Empfang nehmen durfte. Derart durchnässt und zugleich euphorisch treffe ich im Zielbereich auf Walter (der eine Minute eher da war) und viele andere nette Menschen.

Kassel Marathon 2023

Da steht er, der alte Sack mit seiner Medaille. So durchnässt, dass sogar die Linse der Kamera beschlägt.

Kassel Marathon 2023

Seine Zufriedenheit über das Endergebnis drückt ein Jeder auf seine eigene Art und Weise aus.

Kassel Marathon 2023

So oft, wie ich den Gerno an diesem Wochenende getroffen habe, müsste er eigentlich mal einen ausgeben. Der Lümmel!

Mein Fazit zum Kassel Marathon 2023

Ich habe es oben bereits erwähnt. Der Kassel Marathon hat seinen Charme. Sicherlich bin ich da auch ein wenig voreingenommen, denn schließlich ist es ein Lauf in meiner Heimat. Hier bin ich zu Hause und habe Freunde und Familie, die heute auch vor und im Stadion mit dabei waren. Es ist also mehr als eine liebgewonnene Veranstaltung.

In diesem Jahr gab es den neu hinzugekommenen Firmenlauf. Eine tolle Idee, die hoffentlich im nächsten Jahr Bestand haben und mehr Interesse an den längeren Distanzen wecken wird. Ich hoffe darauf, dass irgendwann, vielleicht dank eines neuen Hauptsponsors, die Marathonstrecke wieder aus einer Runde besteht. „Ein Halber geht immer“ heißt es zwar, aber dann darf’s auch gern wieder ein Ganzer sein.

PS: Bei der HNA und in anderen Quellen hatte man bisher, wie bei Heidi Klum, leider kein Foto für mich. Vielleicht kommt da aber noch was.

Daten zum Lauf

4 Kommentare

  1. Comment by Denni

    Denni Antworten 19. September 2023

    Starkes ding! Sehr sehr gute Zeit! Nächstes Jahr bin ich vielleicht dabei!

    • Comment by Martin

      Martin Antworten 19. September 2023

      Äh, was heißt hier „vielleicht“? Ich habe dieses Jahr schon fest mit dir gerechnet! Lümmel!

  2. Comment by Andreas

    Andreas Antworten 22. September 2023

    Glückwunsch, Martin, zur unglaublichen Zeit! Du wirst mit zunehmendem Alter ja immer besser ;-) Das sind km-Durchschnittszeiten, die ich nicht mal mehr auf einem 5k-Rennen hinbekomme…

    • Comment by Martin

      Martin Antworten 22. September 2023

      Ja, neee. Besser werde ich leider nicht mehr. Da müsste ich noch etwa 5 Minuten schneller laufen, damit ich meine Bestzeit nochmal toppen kann. Dennoch bin ich sehr zufrieden. Ich merke allerdings, das ich nach so einem flotten Ding deutlich länger regenerieren muss, als nach einem eher langsamen Ultra. Erstaunlich, oder?

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