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Gestern war wieder so ein Tag, an dem ich mich geärgert hatte, dass ich nicht zehn oder zwanzig Jahre eher mit dem Laufen begonnen habe. Nur soviel – die Beschreibung »grandios« wäre untertrieben. Aber der Reihe nach…

Das Wochenende im Zeichen des E.ON Kassel Marathon beginnt bereits am Donnerstag – dem Brückentag sei Dank. Das Wetter ist ähnlich bombig, wie Heidi Klums finale Krönungsshow, nur mit dem Unterschied, dass ich meinen Lauf durch Kassels schönste Parkanlage nicht abbrechen muss.

In der Nähe des Kasseler Auestadions zieren bereits pittoresk in Szene gesetzte Pissoirs den zukünftigen Startbereichs des Marathons. Läuferherz, was willst du mehr? Das Dringenste zuerst – auf die Organisation von unserem »Aufi« ist eben Verlass.

Noch kein Startbanner, dafür aber schon mal die stillen Örtchen vor Ort. Läuft!

Noch kein Startbanner, dafür aber schon mal die stillen Örtchen vor Ort. Läuft!

Eigentlich habe ich mir für diesen letzten Lauf vor dem Wettkampf maximal 10 Kilometer vorgenommen, doch ein paar neue Schuhe, die ich zum Testen geschickt bekommen habe, machen diesen Plan zu nichte. Der Newton Running Men’s Fate hat mich auf Anhieb ziemlich begeistert, so dass es dann doch etwas mehr als 14 Kilometer werden. Ich bin schon kurz davor, den Einsatz des New Balance Race 1500 beim Halbmarathon zu überdenken. Doch in meinen wilden Träumen stürmt eine Armee von Matthias-Sammer-Klonen mit drohenden Zeigefingern auf mich zu und mahnt mich zur Vernunft. Niemals einen Schuh nehmen, den man nicht vorher auf der Distanz getestet hat – JAAAA DOCH!

Never change a winning team - aber in Erwägung ziehen kann man es ja mal...

Never change a winning team – aber in Erwägung ziehen kann man es ja mal: Newton Running Men’s Fate vs. New Balance Race 1500

Am Freitag wird es dann das erste Mal spannend. Nicht nur, dass ich endlich meine Startunterlagen abholen darf – nein, ich habe auch noch die Gelegenheit mich mit dem ein oder anderen Kontakt aus den sozialen Netzwerken zu treffen, unter anderem auch mit dem legendären Peter Gnüchtel – der Mann, der allgemein als Kilometerfresser bei Google+ und Strava sein Unwesen treibt. Nett, dass er uns noch ein paar Kilometerchen übrig lässt. Sympathischer Kerl – online, wie auch in Natura. Hat mich sehr gefreut.

Volles Rohr am Start - die Feuerwehr dein Freund und Helfer. Und ein Selfie mit der Community-Prominenz: Mr. Gnü aus Zü himself.

Volles Rohr am Start – die Feuerwehr dein Freund und Helfer. Und ein Selfie mit der Community-Prominenz: Mr. Gnü aus Zü himself.

Der Samstag Nachmittag leitet dann langsam das ein, was ich ganz oben beschrieb. Kurz und bündig: der Sohnemann (AK 10) rockt die 4,2 Kilometer des Mini-Marathons in 23:13 Minuten ohne großartig dafür trainiert zu haben. Ich alter Sack bekomme Pipi in die Augen – aus Stolz und aus Bedauern, dass ich nicht mehr so jung bin. Ach egal – kommen wir besser zum Wettkampftag…

Jetzt geht’s los…

…gut, dass ihr bis jetzt durchgehalten habt. Dafür musstet ihr auch nicht so früh aufstehen, denn der Halbmarathon beginnt bereits um 8.15 Uhr. Wohlgemerkt – am Sonntag. Schon im Jahr zuvor konnte ich erfahren, dass man um die Uhrzeit zwar Läufer, aber nicht unbedingt Zuschauer mobilisieren kann. Klarer Vorteil jedoch – die Temperatur ist optimal.

© brauser24.de - Florian, Behi und der alte Mann - das bin ich.

©brauser24.de – Florian, Behi und der alte Mann – das bin ich.


Neben ein paar Kollegen sind auch Florian und Behi mit mir im Startblock. Behi kenne ich vom Lauftreff Run2 Kassel. Er hat sich eine 1:35 vorgenommen. Das ist genau die Zeit, die mir auch vorschwebt, denn ich will meine 1:38:38 von 2014 toppen. Also beschließen wir, das Rennen gemeinsam in Angriff zu nehmen. Was kann einem alten Sack schon Besseres passieren, als einen jungen, durchtrainierten Hüpfer als Pacemaker zu haben? Es hätte nicht besser kommen können.

Noch 3 Minuten. Die Spannung steigt...

Noch 3 Minuten. Die Spannung steigt. Dem Läufer mit dem blauen Käppi haben wir dann auch noch gesagt, wo es lang geht.

Und dann geht es endlich los. Der Startschuss schalmeit den Läufern auf die Minute genau entgegen. Die Meute setzt sich in Bewegung. Schnellere Läufer laufen Slalom um die langsameren Starter – ihr kennt das. Behi und ich behalten uns im Auge, meine Kollegen haben eine andere Pace. Bis zur ersten Wasserstelle läuft alles wie geplant. Behi greift sich einen Becher, während ich so früh noch keinen Bedarf habe. Das Trinken stört mich mehr in meinem Rhythmus, als dass es mir hilft. Ich wette, dass sich mein Partner das beim nächsten Rennen auch zu Herzen nehmen wird, denn kurze Zeit später plagen ihn Seitenstechen. Er kann unsere geplante Pace von 4:30 nicht mehr halten, und ich ziehe von dannen. Das war ein kurzes Vergnügen, Schade.

Bei mir läuft es hingegen bestens. Selbst bei den allseits gefürchteten Steigungen jenseits der Wolfhager Straße kann ich meine Pace halten. In der Zentgrafenstraße sehe plötzlich weit vorne meinen Kollegen, der normalerweise wesentlich schneller als ich laufen kann. Entweder habe ich einen besonders guten Tag, oder ihm steckt noch der Hamburg Marathon in den Knochen. Wie dem auch sei – solche Gelegenheiten muss man nutzen. Ich gebe mein Bestes und klebe im Königstor bereits an seinen Fußsohlen. In der Wilhelmshöher Allee laufe ich lässig neben ihn und erkundige mich nach seinem werten Befinden. So nette Kollegen hat nicht jeder, lasst euch das mal gesagt sein.

Irgendwann ist dann Schluss mit nett. In der Menzelstraße gebe ich Gas und mime den Stromberg unter den Läufern. Schließlich hat niemand verlangt, dass wir im Formationsflug in’s Auestadion eintraben. Am Ende sind es knappe 20 Sekunden und ein Platz in der Altersklasse, die uns voneinander trennen. Nach der 1:38:38 im letzten Jahr, ist es diesmal eine 1:31:31 geworden. Wenn das Zahlenspiel so fortgesetzt werden soll, wird es 2016 eine 1:28:28.

So sehen Sieger aus. Schalalalala. Und so sieht Zielbier aus. Ein bis zwei Becher davon gehören mir!

So sehen Sieger aus. Schalalalala. Und so sieht Zielbier aus. Ein bis zwei Becher davon gehören mir!

Und dann ist der Halbmarathon plötzlich schneller zu Ende, als ich es mir vorgestellt habe. Das ganze schöne Wochenende voller Eindrücke, die ich nicht vergessen werde. Ich hab zwar spät begonnen mit der Lauferei, aber das hindert mich sicher nicht daran, jeden weiteren Moment zu genießen. Kinners, was freue ich mich auf Frankfurt…

25 Kommentare

  1. Comment by Christoph

    Christoph Antworten 19. Mai 2015

    Hallo

    Beim Marathon ist deine Schuhregel aber nicht ganz so eindeutig. Ich laufe den Hauptwettkampf immer mit Schuhen, die ich vorher nicht über diese Distanz getestet habe. Man läuft ja auch nicht viele so lange Läufe in der Vorbereitung.

    • Comment by Martin

      Martin Antworten 19. Mai 2015

      Mal abgesehen davon, dass das nur ein Halbmarathon war: Der Newton ist schon ein recht spezieller Schuh. Ich hatte ihn gerade mal 15 KM ausprobiert. Das war mir dann doch etwas wenig, obwohl ich vom Gefühl her ja gesagt hätte.

      In der Vorbereitung zum Marathon laufe ich bis zu 35 KM. Da kann ich schon einschätzen, ob der Schuh mich auch 42,195 KM begeistern kann.

  2. Comment by Christoph

    Christoph Antworten 19. Mai 2015

    Hallo

    Ich kenne den Schuh nicht. Mir ging es nur um das generelle Prozedere. Ich ziehe meine Wettkampfschuhe eigentlich auch nur da an. Wie ein eigenes Ritual.

    • Comment by Martin

      Martin Antworten 19. Mai 2015

      Ok, Ritual ist Ritual. Da soll man dran festhalten! :)

  3. Comment by Björn

    Björn Antworten 19. Mai 2015

    1:24:24 beim nächsten Mal ;-)

    • Comment by Martin

      Martin Antworten 19. Mai 2015

      Ziel ist es erst einmal, die 1:30 zu knacken. Wir wollen es ja nicht übertreiben. Du hast es ja gelesen – ich bin nicht mehr der Jüngste! :D

      • Comment by Laufhannes

        Laufhannes Antworten 22. Mai 2015

        Umso wichtiger, dass du nächstes Jahr schon die 1:24 läufst – sonst wird das nie mehr was! ;D

        • Comment by Martin

          Martin Antworten 23. Mai 2015

          Bis zum Weltrekord sind es dann ja nur noch 3-4 Jahre, wenn ich Taktzahl beibehalte. :D

  4. Comment by Christoph

    Christoph Antworten 19. Mai 2015

    Genau jogger-läufer-grenze!

  5. Comment by Thomas

    Thomas Antworten 19. Mai 2015

    Hi Martin,

    herzlichen Glückwunsch zur neuen Bestzeit und dem unterhaltsam geschriebenen Bericht. Du hattest Dir also vorgenommen ein festes Tempo von Anfang bis Ende durchzulaufen? Oder wie sah die Renntaktik aus?

    • Comment by Martin

      Martin Antworten 19. Mai 2015

      Taktik war im Schnitt die 4:30 zu halten. Die Strecke hat ja ein paar Steigungen, auf denen ich 4:40-4:50 eingeplant hatte. Zum Schluß folgt eine Bergab-Passage, auf der ich dann Gas geben wollte. Letztendlich lief es dann besser als gedacht.

  6. Comment by ultraistgut

    ultraistgut Antworten 19. Mai 2015

    Hallo, Martin, ich sagte es schon, Glückwunsch zur neuen Bestzeit, da animiert, das spornt an, das schreit nach mehr !!

    Das mit den Kindern kenne ich auch, macht Spaß, wenn der eigene Nachwuchs noch schneller auf den Beinen ist, als man selbst, bei uns läuft die ganze Familie, das treibt mir oft auch Tränen in meine blauen Augen.

    Schönes Sieger-Foto – sagte ich auch schon !! :cool:

    • Comment by Martin

      Martin Antworten 19. Mai 2015

      Ja, das spornt in der Tat an. Ich suche bereits nach neuen Herausforderungen in der Zeit bis Frankfurt!

      Und dass es dem Kleinen Spaß macht, freut mich umso mehr. Hoffentlich bleibt er dran.

      Danke & gute Besserung! :)

  7. Comment by Daniel

    Daniel Antworten 19. Mai 2015

    Auch hier nochmals Glückwunsch – so langsam ist aber wohl eine Zielkorrektur notwendig oder du stellt das Training einfach ein. Mit der Unterdistanzleistung „nur“ eine 3:29 laufen zu wollen ist ja fast schon Frevel, da gehen noch ein paar Minuten ab ;-)

    • Comment by Martin

      Martin Antworten 19. Mai 2015

      Du meinst die Formel HM-Zeit * 2 + 10 Minuten?

      Schauen wir mal, wie die Vorbereitung läuft… :)

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  9. Comment by anja

    anja Antworten 29. Mai 2015

    Herzlichen Glückwunsch zu diesem Traumresultat! Respekt! (Nicht wegen dem Alter, das habe ich auch ;-))
    Super Schreibe! Deine Beiträge lese ich total gerne. Was ist aus dem Läufer mit dem blauen Käppi geworden? Ich habe schon vor dem Kaffee lauthals lachen müssen :-)

    • Comment by Martin

      Martin Antworten 29. Mai 2015

      Danke dir. :)

      Hmm. Keine Ahnung, was mit dem blauen Käppi-Läufer passiert ist. Sicher war er auch im falschen Startblock, denn in der Richtung wäre es ja der hintere Block gewesen. :hehehe:

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