Exit

Es ist Sommer. Es ist Freitag. Normale Menschen genießen das noch junge Wochenende bei einem Glas Wein oder Bier und lassen sich eine Pizza unter freiem Himmel schmecken. Leicht irritiert schielen sie auf hunderte verschwitzte und stöhnende Freizeitsportler, die sich durch die Gassen der Kasseler Innenstadt kämpfen. Kopfschütteln und aufmunternder Applaus halten sich die Waage.

Wo die documenta ihr zu Hause hat, zierten diesmal pittoresk und einheitlich bekleidete Läufer den Vorzeigeplatz Kassels.

Wo sonst die documenta ihr zu Hause hat, zierten diesmal pittoresk und einheitlich bekleidete Läufer den Vorzeigeplatz Kassels.

Wie viele ahnen wohl nicht, dass zu späterer Stunde, genau um 21:30 Uhr, der ganze Zirkus erneut beginnt? Diesmal sind es die, die sich die Runde von 2,5 Kilometer gleich vier mal geben. Die 10 km zu laufen heißt sich vier mal die Wilhelmstraße und den Entenanger mit seinem mühsamen Kopfsteinpflaster hinauf zu kämpfen. Sommerliche Temperaturen um die 25°C und das Streckenprofil taugen nicht gerade für Bestzeiten. Doch wie heißt es so schön? Nur die Harten kommen in den Garten. Und genau aus diesem Grund beschliesse ich, wie schon im Jahr zuvor, auch diesmal von Anfang an Vollgas zu geben.

Bitte recht freundlich - nachdem schon Dieter Baumann sich nicht wehren konnte, musste auch Olympiasieger Nils Schuhmann dran glauben.

Bitte recht freundlich – nachdem schon Dieter Baumann sich nicht wehren konnte, musste auch Olympiasieger Nils Schuhmann dran glauben. Besser motiviert kann man sich nicht in die vordersten Reihen am Start einordnen. Den Fehler, aus dem hinteren Bereich zu starten, muss man ja nicht nochmal machen.

Die Ruhe vor dem Sturm nutzte ich, um im Startbereich am Königsplatz nach befreundeten Läufern Ausschau zu halten. Und da ich ja voll der Oberchecker bin, erkenne ich ihn sofort. Ihr erinnert euch. Olympia 2000 in Sydney. Der Sieger beim 800m-Lauf: Nils Schumann. Damals noch mit der gleichen Frisur wie „Was erlaube Struuuunz?“. Wahrscheinlich trägt er deswegen jetzt sein Haar nur noch am Kinn. Wie dem auch sei – er konnte gar nicht so schnell weglaufen, um sich gegen ein Foto mit mir zu wehren. Im Ernst: netter, sympathischer Kerl. Läufer halt.

Und dann war es soweit. Diesmal stand ich beim Startschuss ganz vorn. Da wo sich die schnellen Läufer einsortieren sollten. Manchmal muss man ein klein wenig von sich überzeugt sein, sonst kommt man zu nichts. Allerdings sollte man dann nach dem Startschuss auch wieder zurück auf den Boden der Tatsachen kommen, sonst geht es einem wie mir nach den ersten beiden Runden. Eine Pace um die 4:00 war bei den Temperaturen vielleicht doch ein wenig zu schnell. Bei 0:21:00 flog ich nach zwei Runden über Start- und Ziellinie. Okay…

Ab der dritte Runde wurde es dann richtig heftig. Das Rennen mutierte zum Hindernislauf. Nein, nicht das Kopfsteinpflaster und die Bordsteine, über die ich in den Kurven die Strecke abzukürzen versuchte. Die Überrundungen standen an – ich kam mir vor, wie ein Hase, der beim Zickzacklauf vor dem Jäger flüchtet. Zu allem Übel bekam ich Seitenstechen. Ein Leid, welches mich bisher noch nie geärgert hat. Die Schuld schiebe ich mal der Wasserstelle am Königsplatz in die Schuhe. Trinken nach einem Anstieg ist irgendwie nicht der Burner. Die Atmung läuft gerade Amok und wird dann noch von einem Schwall Wasser ertränkt. Toll. Kann ja nix werden.

Nanu, da fehlen 400m. Egal, die werden die Strecke schon ordentlich ausgemessen haben. Neue Bestzeit? Check!

Nanu, da fehlen 400m. Egal, die werden die Strecke schon ordentlich ausgemessen haben. Neue Bestzeit? Check!

© bmw-laufsport.de

       © bmw-laufsport.de

Und es wurde doch etwas. No Pain, no gain. Da ist was dran. Die letzte Runde musste ich beissen. Aber so richtig. Die Seitenstechen waren die Hölle. Belohnt wurde ich mit einer neuen persönlichen Bestzeit auf der 10km-Distanz, dem 2. Platz in meiner Altersklasse und dem Platz 19 in der Gesamtwertung.

Auch wenn es so aussieht - ich habe nicht geschummelt. Ehrlich. Ich musste mich nur ein wenig erholen. Und was gibt es da bequemeres, als ein Bobbycar?

Auch wenn es so aussieht – ich habe nicht geschummelt. Ehrlich. Ich musste mich nur ein wenig erholen. Und was gibt es da bequemeres, als ein Bobbycar?

Wie schon beim Lauf in Heiligenrode musste ich auch diesmal alles geben und auf Anschlag laufen. Ist es das, was man Tempohärte nennt?

Nachtlauf HFmax

11 Kommentare

    • Comment by Martin

      Martin Antworten 18. Juli 2015

      Danke dir. Bin immer noch ganz geflasht. Hatte ich eigentlich erwähnt, dass ich Nils Schumann in der dritten Runde überrundet habe? :D

      Nein. Hatte ich nicht.

      Er war allerdings auch nur als Coach unterwegs…

  1. Comment by Laufhannes

    Laufhannes Antworten 19. Juli 2015

    Glückwunsch zur Bestzeit! Schön, wenn es trotz der vielen Hindernisse in der Summe so gut läuft. Da steigt die Vorfreude auf den nächsten 10er, bei dem die Randbedingungen dann besser sind, hm? ;)

    • Comment by Martin

      Martin Antworten 19. Juli 2015

      Danke dir, Hannes.
      Die 10er, die hier im Rahmen der Volksläufe angeboten werden, sind vom Streckenprofil eher noch ungünstiger für Bestzeiten. Die „Kasseler Berge“ kennen die meisten nur von der Autobahn, aber auch die Wald- und Wirtschaftswege sind bergig! ;)
      Meine bisherige PB stammt vom 2. Teilsplit des HM beim Kassel-Marathon. Das sagt doch alles.

  2. Comment by ultraistgut

    ultraistgut Antworten 19. Juli 2015

    Heya, das liest sich sehr gut, Glückwunsch auch von der Ostsee – das riecht nach mehr – der Ehrgeiz ist mit Sicherheit geweckt – oder :?:

    • Comment by Martin

      Martin Antworten 19. Juli 2015

      Danke an die Ostsee! :)
      Mein Ehrgeiz leidet schon seit einiger Zeit an Schlaflosigkeit. :hehehe:

  3. Comment by Thomas (Harlerunner)

    Glückwunsch zur Bestzeit, Martin! Von der Pace auf 10 km bin ich noch ein wenig entfernt – auf gerader Strecke und ohne Hindernisse. ;)

    • Comment by Martin

      Martin Antworten 19. Juli 2015

      Danke, Thomas.
      Du bist nur noch nicht in der „richtigen“ Altersklasse. Erst in der M45 geht’s so richtig ab. Die alten Säcke müssen sich’s beweisen. Da legt man von allein noch eine Schippe drauf. :hehehe:

  4. Comment by Winfried Wengenroth

    Ich versuche auch möglichst oft bei warmen Wetter möglichst häufig aktiv zu sein und mich nicht in die Sonne (oder Schatten) zu legen.
    Und Glückwunsch zu dieser Zeit – da brauche ich noch etwas Übung bis ich da ankommen werde.
    Liebe Grüße!

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