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Matthias Politycki ist Schriftsteller und Marathonläufer. Die Kombination scheint nicht so unüblich zu sein. Ich erinnere mich spontan an Haruki Murakami. Dessen Werk »Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede« hatte ich erst vor kurzer Zeit gelesen und fand es extrem langweilig, muss ich leider gestehen.

Bücher mit dem Thema Laufen verkonsumiere ich nicht gerade wenige – neben fast allen verfügbaren Zeitschriften. Meine Holde fragt schon gar nicht mehr, was ich da gerade auf dem Kindle lese. Sie bekommt eh immer die gleiche Antwort und rollt anschließend mit den Augen. Das selbe Rollen, welches ich schon zur Genüge kenne – das, wenn ich wieder und wieder zu der großen Einheit am Wochenende aufbreche. Dann können aus den angekündigten zwei Stunden auch mal drei werden, weil es gerade gut läuft. Komme ich dann am Gartenzaun entlang getrabt, schimpft sie wie ein Rohrspatz, weil sie mich schon dahinsiechend am Straßenrand gesehen hat. Ihr kennt das sicher.

Und genau diese Erfahrungen, vielleicht nicht unbedingt die am Gartenzaun, wohl aber die mit dahinsiechenden Läufern, hat auch mein Laufkollege Matthias gemacht. Gegen Ende der 42 Kilometer…

KM 42 - Nicht nur der Marathon neigt sich dem Ende zu...

KM 42 – Nicht nur der Marathon neigt sich dem Ende zu…

42 Kilometer und noch ein paar Meter mehr…

Einen Marathon zu laufen ist Kopfsache. Um das zu wissen, muss man kein Buch lesen. Das merkt man spätestens in der Vorbereitung, meist aber schon, wenn man als Laufanfänger das erste Mal die 5, 10 oder später die 21 Kilometer angeht. Irgendwann verdrängen die Gedanken des Alltags die Ängste, die Distanz nicht zu schaffen. Die Beine laufen dann von allein – oben in der Zentrale hat man nun Zeit für die wichtigen Dinge des Lebens. Die besten Beiträge dieses Blogs entstanden wahrscheinlich irgendwo zwischen Kilometer 25 und 30.

Vielleicht hat man auch das Glück, einen Laufpartner zu haben, mit dem man Kilometer für Kilometer bewältigt. Mit ihm unterhält man sich über elementare Dinge, wie die richtigen Schuhe, die optimale Ernährung oder die Pace, mit der man den Marathon angehen will. Vielleicht lästert man auch über die Nordic Walking Gruppe, die man gerade überholt hat. Warum muss man bei 25°C im Schatten lange Tights und Windbreaker tragen? In Schwarz? Haben die noch nie was von globaler Erderwärmung gehört? Irgendwann liegen auch die im Straßengraben und siechen dahin. Dann aber schon bei Kilometer 5.

Das kommt euch alles bekannt vor? Dann freut euch Matthias Polityckis »42,195: Warum wir Marathon laufen und was wir dabei denken«. Denn 42 Kilometer lang bedient er sich allen Klischees, mit denen wir Marathonläufer zu kämpfen haben. Vom Start bis zum Zieleinlauf, von Kilometer zu Kilometer wird alles abgefrühstückt, wofür Achilles & Co. mehrere Taschenbücher gebraucht haben. Und ich gebe es gerne zu: auf dem Großteil der Distanz finde ich mich durchaus wieder.

Da das Lesevergnügen diesmal als gedrucktes Werk daher kommt, weiß die Holde gleich Bescheid. Im Augenwinkel spüre ich es – sie beobachtet mich beim Lesen. Gleich fragt sie, warum ich ständig schmunzeln muss. Na weil Matthias, übrigens wie ich ebenfalls nicht mehr der Jüngste, mit Anekdoten wie zum Beispiel dem wortkargen Läuferdeutsch zwischen uns Männern glänzen kann.

So sparsam ist er allerdings nicht in der Verwendung von Fußnoten. Das ewige Querlesen zwischen ihnen und dem Text stört den Lesefluss. Stellt euch vor, ihr müsstet beim Marathon alle 2km eine Pinkelpause einlegen, dann wisst ihr, was ich meine. Aber das ist auch so ziemlich das einzige Manko des Buches, welches ich finden konnte.

Der Fußnoten-Marathon - reicht schon fast für eine neue olympische Disziplin.

Der Fußnoten-Marathon – reicht schon fast für eine neue olympische Disziplin.

Fazit

Von den vielen Büchern über das Laufen – Ratgeber mal ausgenommen – konnten mich bisher nur wenige Werke begeistern. Gerade mal Scott Jureks »Eat & Run« fällt mir da positiv ein. Matthias Politycki schafft es jedoch, dass ich mich auf all den Seiten bis zum Zieleinlauf gut unterhalten gefühlt habe. Nur ein paar Stunden hat es gedauert, da hatte ich das Buch durchgelesen. So gesehen hätte er auch noch ein paar Kilometer dran hängen können.

 

Für die Transparenz

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Verlag kostenlos zur Verfügung gestellt. Den Beitrag habe ich aus freier Hand geschrieben. Es wurde keinerlei Einfluss auf den Inhalt oder die Bewertung genommen.

12 Kommentare

  1. Comment by Jürgen

    Jürgen 8. Juni 2015

    Hatte eine Leseprobe von Haruki Murakami auf dem Kindle und schlief darüber fast ein. Dagegen wirkt Matthias Politycki wie Red Bull. Kommt auf meine Leseliste. Danke!

    • Comment by Martin

      Martin 8. Juni 2015

      Da bin ich ja froh, dass es mir nicht alleine so ging. ;)

      • Comment by Jürgen

        Jürgen 8. Juni 2015

        Hatte mir mehr von dem schnellen Japaner versprochen. Egal. ;)

  2. Comment by Sebastian

    Sebastian 8. Juni 2015

    Hi Martin! Die Rezension macht richtig Lust auf das Buch! Danke. Ich kann Dir Running Wild empfehlen. Kurzweilig, aber sehr wüstenlastig. Schafft man an einem langen Abend auf dem Sofa.

    • Comment by Martin

      Martin 9. Juni 2015

      Danke für den Tipp. Hatte ich auch schon mal überlegt, ob mir das gefällt. Ich fürchtete jedoch, dass es ähnlich ist wie „Born to Run“. Das hat mich nämlich auch so richtig vom Hocker. Da starte ich gerade den zweiten Anlauf. Beim ersten war’s ein DNF. :hehehe:

  3. Comment by Thomas (Harlerunner)

    Thomas (Harlerunner) 8. Juni 2015

    Ich kann nicht verstehen, dass ihr den Murakami nicht gut fandet. Vielleicht muss man dafür einen leichten Zen-Hintergrund haben.

    • Comment by Martin

      Martin 9. Juni 2015

      Zen habe ich nie verstanden. Liegt dann also wohl daran! :)

  4. Comment by ultraistgut

    ultraistgut 9. Juni 2015

    Geht mir so wie Thomas, ich kann es auch nicht verstehen, dass man Murakami nicht gut finden kann, aber vielleicht ändern sich die Meinungen, wenn man sich jenseits der 100 km bewegt und nachempfinden kann, wovon “ ich rede, wenn ich vom Laufen rede “

    “ “ Oft können Menschen nicht verstehen, wie das Laufen solch eine Macht haben kann. Sie glauben, es sei kaum mehr als eine anspruchsvolle Art des Wanderns. In der Tat: Das Laufen ist eine einfache, primitive Tätigkeit. Aber in seinen Feinheiten liegt eine ungeheure Macht. Denn beim Laufen arbeiten die Muskeln etwas härter, das Blut fließt etwas schneller, das Herz wird stärker. Das Leben d etwas lebendiger, die Empfindung intensiver. Und das genieße ich.

    Ich genieße auch die Einsamkeit. Langstreckenlauf ist ein Sport für Einzelgänger – und ich habe die Tatsache akzeptiert, dass ich ihn in aller Regel alleine genieße. Es hält mich frisch; und es hält mich – so merkwürdig das scheint – davon ab, mich isoliert zu fühlen. Ich vermute, dass viele Menschen dieses Gefühl der Kirche erfahren, aber ich brauche die Weite der Straßen für eine Erneuerung. Große Strecken zu laufen ist mein Weg, meinen inneren Frieden zu finden.“

    Einer meiner Lieblingsbücher, das ich immer wieder in die Hand nehme ! :cool:

    • Comment by Martin

      Martin 9. Juni 2015

      Guck mal oben – das mit dem Gartenzaun. Kannst du dir vorstellen, wie sie schimpfen würde, wenn aus den 2-3 Stunden plötzlich eine Zeit für den Ultra werden würde? :D

  5. Comment by ultraistgut

    ultraistgut 9. Juni 2015

    Tja, da gibt es zwei Möglichkeiten:

    1. Den Partner mit viel Geduld, Freude, Motivation auch zum Laufen zu bringen, das gelingt, wenn man es richtig anfängt (meistens !)

    2. Für eben diesen Partner, wenn das mit dem Laufen nicht hinhaut, eine echte Alternative zu finden, damit jeder SEINEM Hobby ausgiebig frönen kann.

    Das Beste natürlich, wenn beide und so, dann noch die ganze Familie – passt – wie bei uns ! ;)

    • Comment by Martin

      Martin 9. Juni 2015

      Sie läuft ja – nur nicht so oft und so weit. Alles gut! ;)

      Es liegt nicht an ihr, dass ich keine Ultras laufe. Ein Marathon reicht mir zur Glückseligkeit.

  6. Comment by Jan

    Jan 11. Juni 2015

    Das klingt ganz interessant. Bisher habe ich mir zum Thema Laufen eigentlich fast ausschließlich Ratgeber etc. zu Gemüte geführt. Aber die ganzen Tipps kennt man ja alle und letztendlich muss man seine eigenen Erfahrungen machen und schauen was am Besten funktioniert. Ich laufe in diesem Jahr endlich meinen zweiten Marathon, ich freue mich schon darauf! :)

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