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Schlag auf Schlag folgt nun der Test des zweiten Schuhs, der es in die nähere Auswahl für die Verwendung bei meinem ersten Ultra geschafft hat. Der Brooks Cascadia 10 konnte mich bereits überzeugen. Ob der hier vorgestellte La Sportiva Ultra Raptor auch gefallen hat, erfahrt ihr in diesem Review.

Der Ultra Raptor trägt seinen Namen nicht ohne Grund. Ein Schuh, der speziell für Trails, Ultra Marathons und Langdistanzen beworben wird – ist das nicht der perfekte Kandidat für mich, wenn es im April in das hessische Bergland geht? Zumindest auf einem knappen Drittel der Originalstrecke habe ich den Ultra Raptor bereits getestet. Wie es war, erzähle ich gleich, aber zuerst nehmen wir ihn mal genauer unter die Lupe.

Ausgepackt und anprobiert

La Sportiva Ultra Raptor

Sauber und leuchtend rot – so sah der Ultra Raptor die kürzeste Zeit aus. Schon nach dem ersten Lauf war’s vorbei mit Good-looking.

„Mein lieber Herr Gesangsverein, das ist vielleicht ein dicker Brocken. Aber aussehen tut er schon mal geil!“ – Das waren ungefähr meine Gedanken, als ich den Schuhe aus dem Karton genommen habe.

Wenn mich nicht alles täuscht, dann hat das Modell aus der italienischen Sportartikelschmiede seinen Namen vom Velociraptor – eines auf zwei Beinen laufenden, fleischfressenden Dinosauriers (soweit trifft das noch in Ansätzen auf mich zu) mit einem langen, steifen Schwanz (öhm – kein Kommentar) und einer auffällig vergrößerten, sichelartigen Kralle an der zweiten Zehe des Hinterfußes (hey, das passt nun wirklich nicht). Wie dem auch sei: schaut man sich das Design der Sohle an, so lässt sich die Idee der Namensgebung nicht verleugnen.

La Sportiva Ultra Raptor

Beindruckend: die Menge an Protektoren und das seitliche Profil der Sohle. Das wird was mit dem Trail, wetten?

La Sportiva Ultra Raptor

Frixion XF (Grip-Mischung) mit Impact Brake System – sieht nicht nur beeindruckend aus, erweist sich in der Praxis auch als wirksam

Allerdings war der Velociraptor mit seinen rund 15 kg Gewicht eher ein sehr kleiner und leichter Dinosaurier. Leicht – das ist der Ultra Raptor nun nicht, denn mit seinen rund 400 Gramm (bei Größe 44,5) ist er noch etwas schwerer als der Cascadia. Dafür bietet er noch mehr Schutz, als das Modell von Brooks zu bieten hat – und das will schon etwas heißen. So, wie der Schuh aussieht, langweilt er sich im hiesigen Mittelgebirge und schreit regelrecht nach dem alpinen Bergland.

La Sportiva Ultra Raptor

Links: Protektoren an den Außenseiten der Fersenkappen // Rechts: Der Einsatz „Easy-in“ in PU-Leder sorgt für leichtes Anziehen und Fersenstabilität

Ob nun seitlich, hinten oder vorn – der Schuh ist gepanzert wie eine Staatskarosse. Das Obermaterial ist selbstredend atmungsaktiv, robust und dabei dennoch elastisch – so wie es sich für einen Trailschuh gehört. Schaut man sich dann noch die extrem bissig wirkende Frixion XF Sohle genauer an, muss man vor keinen Trail der Welt Angst haben. Höchstens vor seinem eigenen, läuferischem Unvermögen. Erste Zweifel treten auf, ob der Schuh nicht vielleicht sogar in die Kategorie „Kanonen auf Spatzen“ fällt, wenn es um meinen Ultra auf dem beschaulichen Bilstein geht. Vielleicht wäre die Zugspitze doch eher passend? Andererseits – ein wenig Reserve im petto bzw. unter den Füßen kann sicherlich nichts schaden.

La Sportiva Ultra Raptor

Links: extrem stoßfeste Gummikappe vorne // Rechts: das spezielle Schnürsystem im Detail

Zeit, den Schuh anzuprobieren. Sehr angenehm ist schon einmal der Einsatz „Easy-In“ aus PU-Leder im Fersenbereich, der das Anziehen wirklich extrem einfach macht. Die Schnürung lässt sich zwar recht gut fixierien, bietet aber nicht einen ganz so guten Halt über dem Mittelfuß, wie es beim Brooks Cascadia der Fall ist. Für die Schnürsenkel wäre zudem eine Tasche toll, denn die Enden sind sehr lang, so dass auch nach einem Zwei- bis Dreifachknoten noch eine Menge Senkel übrig bleibt, der dann während des Laufs störend hin und her schlackert.

An der Passform des Schuhs gibt es allerdings nichts zu meckern. Sie ist, auch bedingt durch das breite Fußbett, sehr bequem. Die herausnehmbare Ortholite-Innensohle hat sicher einen Anteil daran. Der Fuß fühlt sich an keiner Stelle eingeengt, die Zehenbox ist ausreichend dimensioniert. Gute Voraussetzungen für einen langen Lauf. Here we go…

Erster Einsatz

Experimentierfreudig, wie ich nun mal bin, sollte der erste Einsatz des Ultra Raptors gleich auf dem Parcours erfolgen, auf dem im Frühjahr der Ultra stattfindet. Die Organisatoren des Laufs boten am Nikolaustag einen Vorbereitungslauf an, bei dem man einen Teil der Strecke schon mal kennenlernen konnte. Zur Auswahl standen die Halbmarathon-Distanz und eine Strecke mit um die 45 Kilometern. Letzteres schüttel ich nicht einfach mal so aus dem Ärmel, aber ein HM geht immer.

Kurz vor dem Start wanderten die Augen der Mitläufer auf den noch jungfräulichen Schuh. Ich beschloss die Flucht nach vorn und erklärte bereitwillig jedem der es wissen wollte, dass ich den Schuh auf Herz und Nieren testen möchte. Diejenigen, die es nicht wissen wollten, wurden auch eingeweiht.

Gleich zu Beginn der Runde ging es bergauf. Erster Eindruck: das Gewicht des Schuhs macht sich bemerkbar, geht aber gerade noch so durch. Das Laufgefühl ist zunächst recht hart, die 9 mm Sprengung empfinde ich als moderat. Anfangs auf Asphalt, später auf Forstwegen – selbstredend kein wirkliches Problem für den Schuh.

Nach 13 km erreichten wir den Bilsteinturm, gleichzeitig höchster Punkt der Strecke. Von dort ging es endlich auf einem Stück Trail bergab, und der Raptor konnte erstmals zeigen, ob er wirklich Grip hat. Steine, Wurzeln, Laub und Matsch. Alles, was das Läuferherz braucht, war im Programm. Feucht war’s zudem. Was soll ich sagen? Das war auch keine große Herausforderung für den Schuh. Die folgende Forststraße, die durch die Rückemaschinen kaum noch als solche zu erkennen war, hatte es jedoch in sich. Matsch und Pfützen bis zum Knöchel – da musste der Raptor endlich passen. Der Fuß war nass. Für empfindliche Zeitgenossen hat La Sportiva allerdings eine wasserdichte GTX Version des Schuhs im Programm.

Der letzte Part der Strecke ging bergab. Mehrere Kilometer abschüssiger, geschotterter Forstweg im vergleichsweise flottem Tempo. Die Dämpfung durfte also mal zeigen was sie kann. Und genau hier war ich froh, dass ich „etwas mehr Schuh“ unter dem Fuß hatte. Gerade zum Ende des Laufs macht man ja gerne schlapp, da tut etwas mehr Stabilität und Komfort ganz gut. Ich denke, hier ist genau der Punkt, der der größte Vorteil des Ultra Raptors ist.

Fazit

Der La Sportiva Ultra Raptor vereint eine große Portion Stabilität und Komfort für lange Strecken mit einem enormen Grip. Die eierlegende Wollmilchsau ist er jedoch nicht, dafür fehlt im die Dynamik leichterer Schuhe. Am wohlsten fühlt man sich in ihm, wenn es anfängt weh zu tun – wenn ihr versteht, was ich meine. Unter 20 Kilometern braucht ihr ihn gar nicht erst anziehen, aber dann wird er zu einem tollen Partner, auch für die etwas schwereren Läufer. Denn er steckt all das weg, was das Gelände zu bieten hat und verzeiht viel, wenn am Ende des Laufs die Koordination und die Kräfte und nachlassen.

Sicher wollt ihr jetzt wissen, welchen der Schuhe ich nun auf dem Bilstein tragen werde. Ehrlich gesagt – die Antwort bleibe ich euch erst einmal schuldig. Das entscheide ich während der Vorbereitung, denn die richtig langen „Kanten“ stehen noch bevor.

 

Für die Transparenz

Die PR-Agentur von La Sportiva hat mir die Schuhe kostenlos zur Verfügung gestellt. Den Testbericht habe ich aus freier Hand geschrieben. Es wurde keinerlei Einfluss auf den Inhalt oder die Bewertung genommen.

La Sportiva Ultra Raptor

135 €
La Sportiva Ultra Raptor
8.8333333333333

Passform

95/10

    Design

    90/10

      Stabilität

      100/10

        Dynamik

        75/10

          Verarbeitung

          90/10

            Spaßfaktor

            80/10

              Positiv

              • - Stabilität ohne Ende
              • - Monströser Grip
              • - Hervorragende Protektion

              Negativ

              • - Ziemlich schwer
              • - Schnürung könnte straffer sein

              7 Kommentare

              1. Comment by Sven Schulz

                Sven Schulz Antworten 7. Januar 2016

                Hej,
                Vielen Dank für deine tollen Berichte. Ich laufe im Juni meinen ersten Ultra (80km, 800 hm, also eher flach, dafür fast only trail) und suche auch noch genau den Schuh der es bringt. Marathon laufe ich im Brooks pure flow. Neutral ohne viel Dämpfung. Aber beim trailen, muss was anderes her. Ich freue mich auf weitere Berichte von dir.
                Keep on running.
                VG Sven

                • Comment by Martin

                  Martin Antworten 7. Januar 2016

                  Danke Sven.

                  80 Kilometer ist ja noch mal eine Ecke weiter als auf dem Bilstein, dafür darf ich 1750 HM bewältigen. Ob das mal eine gute Idee ist, weiß ich noch nicht so wirklich…

                  Mehr Berichte zu Trailschuhen wird es vor dem Lauf aber nicht geben. Ich werde mich definitiv zwischen dem Cascadia und dem Raptor entscheiden, sonst verzettel ich mich womöglich noch.

              2. Comment by Henrik

                Henrik Antworten 11. Januar 2016

                Danke für den Test. Ich habe den UltraRaptor GTX schon eine Weile im Schrank und er hat sich in 12 Monaten nicht aufgedrängt. Der Schuh ist mir viel zu schwer, zu statisch und zu klobig. Ja, er sieht geil aus und bietet unschlagbaren Grip auf fast jedem Untergrund. Aber das „etwas mehr“ Schuh ist mir persönlich zu viel Schuh. Aber zum Gassigehen in matschigem Gelände kann ich ihn empfehlen ;).

                • Comment by Martin

                  Martin Antworten 11. Januar 2016

                  Ja, wieso hast du ihn denn dann gekauft? ;)

                  Was ist denn dein Favorit im Gelände, Henrik?

                  P.S.: Den Tipp mit dem Gassigehen gebe ich gern bei Bedarf weiter. Mangels Vierbeiner kann ich ihn jedoch nicht selbst beherzigen.

                  • Comment by Henrik

                    Henrik Antworten 11. Januar 2016

                    War ein Testschuh, ich wollte unbedingt mal La Sportiva probieren. Leider habe ich nach wie vor keinen für mich perfekten Trailschuh gefunden. Der Brooks PureGrit 3 war nahe dran und nun hat den Brooks mit dem 4er wieder verschlimmbessert. Merrell habe ich auch probiert und nun bin ich gerade bei Saucony.

                    • Comment by Martin

                      Martin Antworten 11. Januar 2016

                      Vielleicht wäre der La Sportiva Bushido dann die bessere Wahl gewesen. Von dem schwärmen ja viele.

              3. Comment by Thomas

                Thomas Antworten 14. Januar 2016

                Hallo!
                Ich laufe seit 2 Jahren mit dem Ultra Raptor auf der Straße ,im Wald ,auf dem Berg und vieles mehr.
                Laufdistanzen sind so um 25km.
                Ich bin mit dem Schuh voll zufrieden.Der Schuh zwickt auch nie.
                Ich kaufe jetzt wieder diesen Schuh.

                Lg Thomas

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