Exit

Die Premiere beim Bilstein Marathon war eigentlich anders geplant. Kurz nach dem erfolgreichen Finish beim Frankfurt Marathon 2015 lechzte ich nach mehr. Im Nachhinein weiß ich, dass es ein Fehler ist, wenn man sich allein aus einer Euphorie heraus zu einem Ultra anmeldet. Sei es drum. Ich bin zwar alt, aber immer noch lernfähig.

Um es vorweg zu nehmen: die Halbmarathondistanz hat auch Höhenmeter und macht auch Spaß. Etwas wehleidig schaue ich trotzdem aus der Wäsche, als ich bei der Startnummernausgabe das bestellte Finishershirt vom Ultra entgegen nehme. Bezahlt ist bezahlt – dummerweise werde ich es nie tragen können, ohne mich lächerlich zu machen. Schade eigentlich, aber die Vernunft hat gesiegt. Und wenn ich mir vorstelle, dass ich die Halbmarathon-Runde etwas mehr als drei mal laufen müsste, um den Ultra zu finishen, war es vielleicht auch besser so. Verschieben wir das Projekt also auf den Tag X und gönnen wir dem letzten Sonntag noch ein wenig Aufmerksamkeit.

Er beginnt für einen Wettkampftag extrem entspannt. Von Aufregung keine Spur. Auch wenn ich mich zum Saisonbeginn wenig fit fühle – es zwickt an allen Ecken und Enden – einen Halbmarathon traue ich mir auch ohne großes Training zu. Die Strecke hatte ich bereits beim Vorbereitungslauf am Nikolaustag auf Herz und Nieren geprüft, große Überraschungen erwarteten mich also nicht. Gespannt war ich eher darauf, wie die das Örtchen Kleinalmerode mit dem großen Ansturm zurechtkommt. Jegliche diesbezügliche Sorgen sind allerdings völlig unbegründet. Egal ob Parkplatzsitutation, Startnummernausgabe oder Umkleidemöglichkeiten – alles perfekt. Und dann wäre da noch das berühmte Kuchenbuffet. Ich dachte ja, dass der Ultra die größte Herausforderung des Tages sei. All dem Hüftgold zu widerstehen ist auch nicht einfach.

Zwei Käsebrötchen und einen Kaffee später begebe ich mich gut gelaunt und immer noch gechilled zum Startbereich, um den Marathonläufern noch kurz einen Besuch abzustatten, bevor diese die Berge unsicher machen. Nach zweieinhalb Jahren Lauferei kenne ich mittlerweile das ein oder andere Gesicht, welches dann für ein Selfie herhalten muss. Ob es will oder nicht. Gruppenbild mit Dame gefällig?

Bilstein Marathon

Links mit der großen Birne – das bin ich. Der Herr mit der Brille hat sich mir namentlich nicht vorgstellt. Otmar treffe ich gefühlt auf jedem Laufevent. Timo hat mir vor dem Halbmarathon nicht verraten, dass er gewinnen will. Hat er dann aber. Mit einer Zeit von 1:23:25. Anna wurde zweite Dame auf der Marathon-Distanz.

Noch mal eine Bemerkung zum Orga-Team. Wer vor dem Start des Marathons die Titelmelodie von „Captain Future“ spielt, hat bei mir eh schon ein Stein im Brett. Da hätte auch alles andere schief gehen können, ich wäre trotzdem noch Fan von euch.

Bilstein Marathon

Links: Hey, Jungs vom Orga-Team – nun lacht doch mal. Läuft doch alles. Rechts: die Marathonis sind wir schon mal los. Eine halbe Stunde später dürfen wir ran.

Genug gesabbelt – die Marathon-Läufer sind unterwegs. Jetzt dürfen auch die Halben an den Start. Hier treffe ich Björn, mit dem ich bisher nur auf Strava Kontakt hatte. Dort hatten wir locker verabredet, dass wir den BiMa gemeinsam angehen könnten. Als er mir etwas von einer 5er Pace und einer 1:45er Zielzeit erzählt, werde ich ein klein wenig unsicher. Bin ich dafür in Form? Ich glaube nicht. Muss ich ihm ja nicht sagen, also mache ich einen auf dicke Hose und stimme zu.

Schon ein paar hundert Meter nach dem Start in Kleinalmerode ist Schluß mit lustig. Die nächsten 13 Kilometer geht es bis zum Bilsteinturm erst einmal nur bergauf. Anfangs reicht die Kondition noch aus, um mit Björn ein paar Worte zu wechseln. Durch den Vorbereitungslauf weiß ich, was noch auf mich zukommt. Björn ist auch nicht zum ersten Mal dabei. Er hatte im Jahr zuvor den BiMa 21 mit einer sagenhaften 1:36:44 gerockt. Dieses Jahr scheint er nicht ganz so gut drauf zu sein. Schon nach wenigen Kilometern beschließen wir, dass ich erst mal etwas mehr Gas gebe. Da das Bergablaufen nicht gerade meine Paradedisziplin ist, wird Björn trotzdem vor mir ins Ziel kommen. Da bin ich mir sicher.

Bei dem letzten Verpflegungspunkt vor dem finalen Anstieg zum Bilsteinturm beschließe ich, dass ich meinen Beinen erst mal einen kurzen Moment Ruhe gönnen werde. Scheiß auf die Zeit. Die Hüfte zwickt, die Oberschenkel sind steinhart. So macht es keinen Sinn, die letzten der insgesamt 535 Höhenmeter in Agriff zu nehmen. Die Jungs von Stand machen jeden Spaß mit. Noch ein Selfie und ein Schluck Iso-Blubberzeugs, dann geht es weiter. Waffeln und Müsliriegel vekneife ich mir – ich bin immer noch auf Diät. Die 80 auf der Waage ist scheinbar auf dem Display eingebrannt.

Bilstein Marathon

Eben noch mit dem Helferteam rumgealbert, schon geht’s hoch zum Turm. Steilster Part des Laufs. Kurz, aber knackig.

Nur gut, dass ich mir am Verpflegungspunkt nicht die Wampe vollgeschlagen hab. Es geht bergauf. Und zwar richtig. Ein paar Meter muss ich kurz gehen, aber dann packt mich der Ehrgeiz und ich beisse die Zähne zusammen. Belohnt werde ich von ein paar applaudierenden Zuschauern, die trotz des eher schlechten Wetters die Läufer anfeuern. Dafür gibt’s von mir beide Daumen nach oben. Aber das ist noch nicht alles. Es gibt Musik. Nein, nicht Helene Fischers atemlose Dauerbeschallung (obwohl das fast passend wäre), sondern traditionelle Blasmusik. Wenn ich richtig informiert bin, haben die den ganzen Tag gespielt, damit auch jedem Läufer ein zünftiges Liedchen entgegen schalmeit. Respekt.

Bilstein Marathon

Ganz oben am Turm, da spielt die Blasmusik. Und die passende Aussicht gibt’s obendrein gratis mit dazu. Läuferherz, was willst du mehr?

Auch hier oben wird wieder für uns gesorgt. Warmer Tee steht bereit. Oder kaltes Wasser – für die, die beim Aufstieg Vollgas gegeben haben. Ich greife zu dem Tee. Die Wertung überlasse ich euch. Noch ein paar nette Worte mit den helfenden Händen ist ein Muss. Artig Danke sagen – hat mir Muttern beigebracht. Aber nun geht es endlich bergab. Auf einem matschigen und wurzeligen Pfad dürfen die Schuhe endlich zeigen, ob sie Grip haben. Oder aber, ob der Läufer das Talent hat, ohne Salti und sonstige Pirouetten den Abstieg zu überstehen. Ich nehme einen Gang raus. Hatte ich erwähnt, dass ich bergab nicht der beste Läufer bin? Hatte ich nicht ebenso erwähnt, dass ich Björn wieder treffen würde, sobald der Anstieg vorüber ist?

Um es kurz zu machen: ich mache artig Platz und lasse ihn vorbei, als ich ihn hinter mir erblicke. Die traute Zweisamkeit will ich aber nicht schnell aufgeben, daher beschließe ich, mich an seine Fersen zu heften. Eine endlose, breite Forststraße folgt auf einen kurzen, matschigen Part. Hier kann Gas gegeben werden. Für die grandiose Aussicht, die man hier hat, bleibt keine Zeit. Ich schaue auf meine Uhr und erblicke eine Pace zwischen 3:50 und 4:10. Schluck! Etwas schnell – zumindest für mich. Wie lange ich das wohl durchhalte? Leicht verunsichert gebe ich Björn kurzatmig zu verstehen, dass er mich nicht lange im Nacken haben wird. Er erzählt irgendwas von „laufen lernen“ und „nach vorne beugen“. Was er wohl damit meint? Für Ersteres ist es wohl zu spät, aber vorwärts gebeugt geht es tatsächlich noch einen Tacken schneller. Ob das meinen Knochen wohl gut tut? Ich komme mir vor, wie in der Szene eines legendären Sketches von Otto Waalkes…

Nach endlosen 5 Kilometern folgt nach einer kurzen Trailpassage der asphaltierte Abstieg ins Ziel nach Kleinalmerode. Der harte Belag haut nun so richtig in die Knochen. Ich nehme noch etwas Gas raus. Björn ist mittlerweile nun doch fast ausser Sichtweite, hinter mir ist allerdings auch kein Läufer, der mich überholen könnte. An der Platzierung wird sich also eh nichts mehr ändern. Nach 1:45:30 trabe ich durch’s Ziel. Punktlandung für die 5:00er Pace – Björn sei Dank. Die Zeit wäre niemals drin gewesen, wenn er mich bergab nicht so dermaßen gezogen hätte. Kudos!

Bilstein Marathon

Mein Pacemaker Björn et moi. Wenn alte Säcke einen jungen Hüpfer als Hase haben, klappt es auch mit dem 4. Platz in der Altersklasse.

Als ich so zufrieden mit dem erreichten Ergebnis im Ziel sitze, ärgere ich mich ein klein wenig, dass ich nicht zumindest die Marathonstrecke versucht habe. Aber wer weiß, wie das ausgegangen wäre. So behalte ich den Bilstein in toller Erinnerung und freue mich auf’s nächste Jahr. Dann sind hat die Ultradistanz auch „nur“ 57 km. Wenn das mal kein Anreiz ist.

Zu guter Letzt noch mal meinen Dank an all die Helfer. So herzlich und engagiert, wie dort alle das Ereignis zu einem tollen Event gemacht haben – das war beeindruckend. Aber auch die Läufergemeinde war super drauf. Eine tolle Stimmung, die ich so noch nirgends erlebt habe. Wir sehen uns 2017.

Bilstein Marathon

Für’s Protokoll: die Rennanalyse meines BiMa 21. Oder direkt hier auf Strava.

12 Kommentare

  1. Comment by Thomas

    Thomas Antworten 20. April 2016

    Thx für den schönen Bericht. Ich war auch wieder begeistert, auch wenn ich unterwegs geflucht habe. ;)
    Aber was das Kuchenbuffet angeht, musst Du mal zum Rothaarsteig – Marathon… ;)

    • Comment by Martin

      Martin Antworten 20. April 2016

      Danke. Die Läufe nach dem Kuchenbuffet aussuchen – das kann ich mir nicht leisten. Das Gewicht … siehe oben. :hehehe:

      Glückwunsch zu deinem Lauf. Schreibst du auch noch was dazu?

  2. Comment by Daniel

    Daniel Antworten 20. April 2016

    Ultra hin oder her, aber der Bericht sprüht von Spaß und einer toller Leistung – die lange Strecke läuft Dir nicht weg und bei dem Profil so eine Zeit, muss man auch erstmal laufen! Glückwunsch .. und (mir geht es ja nicht anders) … kommt Zeit kommt auch das große Ziel (auch wenn ich pers. nicht mehr sicher bin, ob das immer noch mehr KM sein müssen)

    • Comment by Martin

      Martin Antworten 20. April 2016

      Oh, danke für den netten Kommentar. :)

      Mehr Kilometer hatte ich mir eigentlich als Ziel ausgedacht, weil ich nicht glaube, dass ich meine Marathon-PB noch wesentlich toppen kann. Mittlerweile definiere in den Begriff „Ziel“ auch etwas großzügiger. Ich versuche alles entspannter anzugehen. Wenn dann beim Start das Wettkampf-Gen siegt, kann ich’s eben auch nicht ändern – so wie jetzt kürzlich beim Schluppenwettkampf.

      • Comment by Thomas

        Thomas Antworten 20. April 2016

        Mehr oder weniger Kilometer muss jeder für sich ausprobieren. Man muss nicht zwangsweise immer länger werden. Tatsächlich ist meine liebste WK-Distanz der HM. Bei den Ultras, bei denen mein längster bisher 85 km hatte, steht der Genuss im Vordergrund. Solange es mir Spaß macht, den ganzen Tag unterwegs zu sein ist das in Ordnung. Bin mir aber auch sehr unsicher, ob ich Gefallen an noch wesentlich längeren Läufen finde.

        p.s.: ja, ich schreibe auch noch was zu meinem Bilstein-Lauf ;)

        • Comment by Martin

          Martin Antworten 20. April 2016

          85 km und Genuss in einem Satz – kann man sich wohl erst vorstellen, wenn man es einmal erlebt hat. :hehehe:

  3. PINGBACK › #Lieblingsblogs Empfehlungen von euch für euch – Coffee & Chainrings

  4. Comment by Din

    Din Antworten 22. April 2016

    Bilstein muss man ja auch mal gemacht haben. Den Ultra kannst du auf jeden Fall immer mal in Angriff nehmen. Ich möchte aber gar nicht drüber nachdenken, dass das Profil jetzt schon für eine Herausforderung gewesen sein muss und dann auch noch bei deiner Geschwindigkeit. Super gemacht. Herzlichen Glückwunsch.

    • Comment by Martin

      Martin Antworten 23. April 2016

      Warst du schon mal auf dem Bilstein? Den Brocken stelle ich mir ähnlich vor. Kommst du zum Camp?

      Danke für die Glückwünsche! :)

  5. Comment by Jörg

    Jörg Antworten 5. Juni 2016

    Ein interessanter Bericht über die Sportart Marathon. Man bekommt Lust ebenfalls mit dem Laufen anzufangen.

  6. Comment by Björn Wechsler

    Björn Wechsler Antworten 31. März 2017

    Finde den Bericht echt inspirierend :), ich laufe schon ne Weile aber manchmal fehlt es mir echt an Motivation und dieser Bericht hat mir echt wieder Motivation gegeben meine Laufschuhe anzuziehen und loszulegen. Danke!

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