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Man(n) ist ja auch in einem reiferen Alter lernfähig. Nun weiß ich, dass das Erreichen einer neuen Altersklasse nicht unbedingt am eigentlichen Geburtstag stattfindet, sondern bereits am ersten Tag des Geburtsjahres. M50. Fünfzig. Wie sich das anhört. Dabei bin ich doch erst 49. Gefühlt eher 39. Egal, lassen wir das.

Warum ich das erwähne? Nun, die Premiere in der M50 ist Geschichte. Allein meines jugendlichen Leichtsinns ist es geschuldet, dass ich mich trotz einer leidigen Verletzung an den Start des 11. Kristallmarathons im Erlebnisbergwerk Merkers begebe. Erstens ist’s ja bezahlt und zweitens ein tolles Erlebnis. Wann rennt man schon mal 500 Meter unter der Erde?

Ich kann nur von Glück reden, dass ich bei der Anmeldung „nur“ die Halbmarathondistanz gewählt habe. Erstens wegen des Leidens und zweitens – nun, da komme ich später drauf zurück. Erstmal der Reihe nach.

Mit Jens bin ich schon zwei Mal zusammen in Frankfurt gerannt. Wir reisen zusammen an, rennen aber nicht gemeinsam. Nicht weil wir es nicht mögen, sondern weil ich es nicht kann. In Frankfurt war Jens schon längst im Ziel, als ich mich mit roter Zunge über den ebensolchen Teppich schleppte. Diesmal ist es jedoch andersrum. Als er nach 3:18:28 Stunden eintrudelt, stehe ich bereits mit einem alkoholfreien Bierchen als Empfangskomitee parat. Ich musste auf ihn warten – ein super Gefühl. Die wahren Umstände kehren wir einfach mal unter den nicht vorhandenen roten Teppich.

Ich schaffe es einfach nicht, die Geschichte von vorn zu beginnen. Merkt ihr auch, oder? Ok, ich gebe mir Mühe.

Der Sonntag beginnt mit einem jähen Ende. Mit der Nachtruhe ist es um 5:30 Uhr vorbei. Sehr zur Freude der Holden, die am Wochenende eher einen anderen Schlafrhythmus bevorzugt. Dabei kann sie doch liegen bleiben. Stattdessen quält sie sich solidarisch aus den Federn, um mir Glück für mein Abenteuer zu wünschen. Das brauche ich auch, denn seit ein paar Wochen quälen mich Schmerzen im rechten Fuß. Die Plantarfaszien zerren an der Ferse. Ein geschmeidiges Laufen ist derzeit nur selten möglich. Ob das mit dem Halbmarathon unter Tage mit einer ordentlichen Portion Höhenmetern mal eine tolle Idee ist?

Kurze Zeit später ist Jens eingesammelt, und wir reisen durch die bald wieder blühenden Landschaften Thüringens in das pittorekse Merkers. Ob es unter Tage wohl genau so grau ist? Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. Nach dem Abholen der Startunterlagen über Tage geht es dicht gedrängt mit unzähligen Mitläufern im Förderkorb nach unten. Eineinhalb Minuten soll die Fahrt angeblich dauern – es kommt mir vor, als hätten die Jungs vom Bergwerk den Turbo eingeschaltet. Das waren doch höchstens 30 Sekunden, als wir unten ankommen.

Gas geben ist generell heiß im Kurs. Den eigentlichen Startbereich, den sogenannten Großbunker, erreichen wir Läufer auf einem offenen LKW, der von einem der weiß uniformierten Kumpel in einer halsbrecherischen Fahrt durch das Merkerische Tunnelsystem gelenkt wird. Ich bin mir sicher – der hätte am liebsten die Rallye-Legende Walter Röhrl statt der heiligen Barbara im Schrein stehen gehabt. Gut, dass in der Teufe eine Helmpflicht besteht – jetzt weiß ich auch warum. Die Tunneldecke fliegt nur wenige Zentimeter über uns hinweg.

Kristallmarathon Merkers

Atemlos, ab in den Schacht. 500 Meter weiter unten erwartet uns ein buntes Treiben in imposanter Kulisse.

Im Großbunker angekommen erwartet uns eine wuselige Mischung aus Läufern, Besuchern und Helfern. Nur 507 Läufer sind für die Distanzen 10km, Halbmarathon und Marathon gemeldet. Volkslaufcharakter statt Großveranstaltungsflair, gemütlich und familiär – es gibt Fettenbrot und Gurke, wie damals bei Oma auf der Couch zum Abendbrot.

Kristallmarathon Merkers

Ein simples Fettenbrot und Gurke (nicht im Bild) gesellt sich zur festlichen Tafel unter dem Schaufelbagger für die feudale Prominenz (nicht im Bild).

In der überschaubaren Menge treffe ich ein paar Mitglieder der Laufjunkies. Noch nie in Natura gesehen, nur auf Facebook und dennoch ist es so, als kennt man sich schon ewig. Wir quatschen und albern herum, gehen abwechselnd vor Aufregung ständig Pipi machen und warten auf den Start um 11.00 Uhr. Die 10km-Läufer dürfen schon eine Stunde eher in dem riesigen Tunnelsystem verschwinden. Angeblich 4600 Kilometer sollen dort unten durch das Salz getrieben worden sein. Wieso ist die Runde dann nur 3,25 Kilometer groß? Nun gut, wollen wir nicht meckern. Immerhin hat man den Laden gut beheizt. Wir haben eine Temperatur um die 21°C. Endlich mal wieder im kurzen Höschen unterwegs. Und das im Februar.

Zur Belustigung des laufenden Volkes wird vor dem eigentlichen Event dann noch eine Lasershow kredenzt. „My Immortal“ von Evanescence, ein echter Partykracher. Zumindest hier unten in der Gruft. Meine Stimmung steigt, und ich bin froh, dass der Laser nicht zu Helenes Atemlosigkeit zappelte.

Kristallmarathon Merkers

Für die 50 EUR Startgebühr gibt es nicht nur eine Kochwurst sondern auch noch eine Lasershow für umme. Wahnsinn, oder?

Kristallmarathon Merkers

Links: Die Laune steigt. Noch lache ich und mime den Komiker. Aber nicht mehr lange. // Rechts: Bei der Schuhwahl waren wir uns einig. Beim Tempo eher nicht.

Kristallmarathon Merkers

Die Startaufstellung – man könnte meinen, das sei ein Radrennen, wo jeder sein Fahrrad vergessen hat.

Und dann ist es soweit. Ab in die Startaufstellung, eine Gasse für die Nachzügler des Zehners bilden, Helmchen auf und Lämpchen an. Schnell noch auf das GPS warten. Und warten. Und warten. Und warten. Ach, Mensch. Klar. Das wird so nichts hier unten. So kommt es, dass ich zum ersten Mal den Laufbandmodus meiner Uhr in Anspruch nehme. Sieht sicher mächtig bescheuert aus, wenn ich das anschließend zu Strava hochjage. Egal, es geht los…

Ich schlage erst mal alle Warnungen in den Wind, die erste Runde vorsichtig in Angriff zu nehmen. Dass die Höhenmeter nicht ohne sind, wird uns schon nach der ersten Kurve klar. Doch noch kann ich glänzen und ziehe wie eine Dampflock an einem dutzend Läufern vorbei. Die lädierte Ferse gibt noch Ruhe, und ich bin zuversichtlich, dass das heute was wird.

Kristallmarathon Merkers

Der Streckenposten – mein Freund und Helfer. Am liebsten hätte ich ihn in der letzten Runde noch mal gedrückt. Warum habe ich das eigentlich nicht?

Irgendwo auf der Hälfte der Runde tangiert sich der Streckenverlauf. Einer der Helfer macht hier Stimmung, die man so gleich zweimal pro Runde genießen darf. Ein netter Kerl, wie ich im Verlauf des Rennens feststellen kann. Denn er ist der Erste, der von meinem Leid mitbekommt, welches nach der dritten Runde so langsam seinen Lauf nimmt. Die Ferse findet, dass die Idee eines Halbmarathons unter diesen Bedingungen eine bescheidene Idee ist. So nach dem Motto: »Das kannste schon so machen, aber dann isses halt Kacke.«

Kristallmarathon Merkers

Steigung und Gefälle – vor allem Letzteres gibt meiner Ferse den Rest. Ich eiere da runter, als wäre das Glänzende Glatteis. Ist es aber nicht.

Nach und nach laufe ich mehr und mehr unrund. Schmerzen rechts, Schonhaltung links. Run with the flow sieht anders aus. Als mich dann noch Jens überrundet, wird mir klar, dass das der langsamste Halbmarathon meines Läuferlebens wird – wenn ich denn überhaupt durchlaufe. Ich bin kurz davor auszusteigen. Ein DNF mit Schmerzen oder ein Finish mit Schmerzen? Ich entscheide mich für die zweite Option. Muss ich wenigstens nicht so lange warten, bis Jens mit seinem Marathon fertig ist.

Von da an zähle ich Runde für Runde und wie oft ich noch an dem netten Streckenposten vorbei rennen darf, mache meine Witzchen bei jenem Kumpel, der artig das leere Tischensemble bewacht oder versuche bei der Getränkeverpflegung erfolglos ein Bier zu bestellen. Um sich von seiner Erfolglosigkeit abzulenken, macht man sich am besten zum Horst. Wenigstens einen Pokal – den für den mit den blödesten Sprüchen – muss ich unbedingt mit nach Hause nehmen.

Kristallmarathon Merkers

Kurz vor Ziel – der Einlauf in den Großbunker. Sozusagen das Licht am Ende des Tunnels. Endlich ist die Qual vorbei.

Völlig unspektakulär biege ich dann nach der letzten Runde hinter der Ziellinie rechts ab und nehme den Zettel mit meinen Durchgangszeiten und die Medaille in Empfang. Diesmal kein Jubel. Fast schon aus einer Ironie des Schicksals wird auch kein alkoholfreies Weizen gereicht. Ich bin ein klein wenig bedient, muss mich erst mal setzen und das Spektakel innerlich verarbeiten. Hab ich wirklich etwas anderes erwartet? Von meiner Leistung her nicht. Dass das mit der Verletzung ein gewagtes Spiel war, stand außer Frage. Aber das Ereignis, mal einen Halbmarathon unter Tage laufen zu können, wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Wenn ich mir die Durchgangszeit anschaue, hätte ich jedoch lieber den Zehner laufen sollen. Das wäre gar kein so schlechtes Ergebnis geworden – für so einen alten Sack in der neuen AK. So bleibt mir der Kristallmarathon als ein Lauf der weniger erfolgreichen Kategorie in Erinnerung. Das könnte man ändern, aber ich glaube, das muss ich mir nicht noch einmal geben. Danke, Merkers!

P.S.: Nachdem sich Jens den Titel für seinen Beitrag bei mir geklaut hat, habe ich ihn einfach wieder zurück gemopst. Bäm!

12 Kommentare

  1. Comment by Christian

    Christian Antworten 19. Februar 2017

    Sehr schöner Bericht, lässt sich traumhaft lesen.

    • Comment by Martin

      Martin Antworten 19. Februar 2017

      Vielen Dank. Ich werde ja ganz verlegen…

  2. Comment by Stephan

    Stephan Antworten 19. Februar 2017

    Schoner Bericht! Man hat spontan Lust das auch mal zu laufen

    • Comment by Martin

      Martin Antworten 20. Februar 2017

      Danke. :)

      Falls du auf das Abenteuer Lust hast, musst du schnell sein. Die 500 Plätze sind schnell weg. Man überlegt allerdings, die Veranstaltung an zwei Tagen durchzuführen. Samstag den 10er und Sonntag den HM und den Marathon. Dann dürfen 1000 Läufer in den Schacht.

  3. Comment by Runsoenke

    Runsoenke Antworten 21. Februar 2017

    Moin Martin
    Toller Schreibstil. Genau meine Schiene.
    Hoffe du gönnst deinem Fuß jetzt etwas Ruhe. Das Jahr ist noch lang.
    Lauf schön.
    Sönke

    • Comment by Martin

      Martin Antworten 22. Februar 2017

      Hallo Sönke, danke für das Lob.
      Meinem Fuß gönne ich zwangsläufig jetzt Ruhe, nachdem ich ihm diesen Blödsinn hier angetan hat. Wie gesagt – man lernt nie aus. Auch im hohen Alter nicht. Gott sei Dank ist der Frühling noch weg, sonst würde ich Anfälle bekommen, wenn draußen die Sonne lachen würde.

  4. Comment by Sascha

    Sascha Antworten 23. Februar 2017

    Verrückte Geschichte da unter Tage im Kreis zu laufen, die Chance hätte ich mir an deiner Stelle auch nicht entgehen lassen.

    Gruß
    Sascha

    • Comment by Martin

      Martin Antworten 23. Februar 2017

      Dann weißt du ja schon, was du im Februar 2018 vor hast! :hehehe:

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  6. Comment by Lecky

    Lecky Antworten 25. Februar 2017

    Hallo Martin

    Ja.. echt gut geschrieben..aber mit 50 und dann so unvernünftig
    Wie geht’s deinem Leiden denn heute ?
    Gruß Lecky

    • Comment by Martin

      Martin Antworten 25. Februar 2017

      50? Ich bin 49. NEUNUNDVIERZIG!!

      Aber danke der Nachfrage. Es geht aufwärts. Bin heute das erste Mal seit Merkers wieder gelaufen. Es war nicht optimal, aber es lief.

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